Krähenfüße und Mogelperspektiven

7. Oktober 2005, 18:09
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Über die Schwierigkeiten beim Lesen koreanischer Literatur in Übersetzung

Anfangs freute sich unser Kritiker mit der Ostasienerfahrung diebisch. Er blätterte in der Redaktion durch eine Liste der Neuerscheinungen anlässlich des Korea-Schwerpunktes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und entdeckte, was er eigentlich wissen hätte sollen. Auf der Suche nach den leeren Flecken auf ihrer literarischen Landkarte sind die Veranstalter dieses Jahr in eine Grube voll ostasiatischer Lyrik gefallen.

Nur auf inständigste Bitten hin ermannte der Kritiker sich: Vor langer Zeit in Salzburg habe ihm einmal ein chinesischer Freund auf die Frage, ob er Heimweh nach China hätte, die Reproduktion einer klassischen Tuschezeichnung gezeigt: einen dieser fröhlichen, weisen Männer, Tee trinkend unter Bambus. Und dieser Chinese hatte dann gefragt, was er, der westliche Freund, bei der Betrachtung dieser Zeichnung fühle. In Ermangelung einer sich aufdrängenden Feinfühligkeit habe er damals spontan geantwortet: "Nichts!". Jetzt, durch seine Ostasienerfahrung, könnte er dieses "Nichts!" immerhin mit kultivierter Höflichkeit ausstatten, was freilich viel Raum bräuchte, vom Standard, um letztendlich doch wieder das "Nichts" wirklich als Pointe zu servieren.

Nach einiger Überlegung versprach der Kritiker also die Besprechung eines koreanischen Klassikers: Nach Yisang ist immerhin der berühmteste Literaturpreis Koreas benannt. Die deutsche Übersetzung seiner Lyrik sei überdies gerade beim Droschl Verlag erschienen. Als wir ihn dann einige Zeit später telefonisch an seinen Abgabetermin erinnerten, klagte unser Kritiker, er sei in eine furchtbare Falle geraten: Eine Falle wäre, definitionsgemäß, das "Artefakt inmitten der Natur", hier also inmitten der ihm wohl vertrauten Natur ostasiatischen Geistes. Yisang erinnere ihn nämlich weniger an jene Tuschezeichnung als vielmehr an die Texte der Wiener Gruppe, nur dass er schon in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben hätte, orientiert an der japanischen Vermittlung der damaligen europäischen Avantgarde. Eines dieser Gedichte mit dem Titel "reguläres verfahren IV" wolle er uns zitieren:

"wer bist du aber du kommst vor meine tür und klopfst und schreist dass ich die tür öffnen soll auch wenn du mich nicht mit ganzer seele suchst und ich dich überhaupt nicht kenne kann ich dich nicht einfach ignorieren und will die tür öffnen aber die tür ist nicht nur von innen verriegelt sondern ohne dein wissen auch von außen verschlossen was nützt es sie allein von innen zu öffnen wer bist du dass du ausgerechnet vor der verschlossenen tür geboren wurdest?"

Wir verstanden natürlich sofort, wozu der Kritiker ausgerechnet jetzt diesen Text anführte. Aber leider war es aus Termingründen unmöglich, ihn noch aus seiner Aufgabe zu entlassen, die er sich schließlich selbst gestellt hatte: Irgendeinen Zugang oder Ausweg werde er in seiner eigenen Falle ja wohl finden. Unser Kritiker meinte daraufhin, dieses Gedicht habe schon einmal jemandem geholfen, aus einer ausweglosen Situation zu entkommen: Die Übersetzerin von Yisangs Gedichten ins Englische, eine Koreanerin, hätte nach alter Sitte aus der Universität heraus mit einem ihr wildfremden Mann verheiratet werden sollen. Dem habe sie dieses Gedicht als Antwort auf seine Werbung gegeben und er hätte sie gehen lassen, großzügiger als wir, die ihm immerhin bekannte Redaktion. Wir würden wieder von ihm hören.

Dann trafen wir den Kritiker zufällig im Kaffeehaus, er versenkte sich sofort demonstrativ in das Buch und seinen grünen Tee. Die Publikation dieser Lyrik sei damals in Korea ein Presseskandal gewesen. Yisang sei, und er komme damit auf das uns schon am Telefon zitierte Gedicht zurück, in der damaligen Besatzungsmacht Koreas gelandet, in Japan, und dort eingesperrt worden wegen der absurden Anschuldigung "antikolonialistischer Umtriebe". 27-jährig sei er an Tuberkulose gestorben. "Diese Texte schaffen es", fing unser Kritiker dann unvermittelt an zu dozieren, "einen bei der eigenen Weltfremdheit zu nehmen. Und die kulturelle Entfernung zwischen Autor und Leser, das ist das Bemerkenswerte, spielt in der Übersetzung da kaum fühlbar hinein. Dabei sind diese Gedichte völlig unpathetisch, und, so weit man über Fremdheit überhaupt Verständliches sagen kann, ohne sie anzutasten, irgendwie auch verständlich." Bevor er sich näher darüber äußere, wolle er aber zuerst eine Zeit lang mit dem Buch leben. "Nein", sagte der Kritiker dann, plötzlich fast schreiend, er würde in der vorgegebenen Zeit keine Rezension der deutschen Ausgabe der Lyrik Yisangs beim Droschl Verlag mehr schreiben. Obwohl oder gerade weil er sich weiter der Lektüre dieser Gedichte widme, bekämen wir anlässlich der Frankfurter Buchmesse: Nichts! Er wiederhole es nur ungern: Nichts!

Ein späterer Anruf unsererseits sollte dann eigentlich nur die Möglichkeiten weiterer Zusammenarbeit klären. Der Kritiker erzählte, dass er zurzeit begeistert Yisangs Erzählungen auf Englisch lese. Ihn beschäftige derzeit, dass die Sammlung der Gedichte Yisangs auf Englisch "Krähenflüge" und nicht "Mogelperspektive" titelt. Die koreanische Literatur hat sich nämlich über lange Zeit hinweg der chinesischen Schriftzeichen bedient und nicht des später entstandenen koreanischen Alphabetes "Hangeul". In der chinesischen Schrift aber unterscheidet sich das Zeichen für "Vogel" und "Krähe" nur durch eine Kleinigkeit, die leicht überlesen oder durch unsauberen Druck verdeckt werden könne. Auch in der gesprochenen koreanischen Sprache unterschieden sich die beiden Wörter kaum: "Chogamdo" und "Ogamdo". Die Krähe sei im Deutschen also ein wenig willkürlich aus dem Buchtitel genommen für die Zweideutigkeit von "Vogel-" und "Mogelperspektive". Und unser Kritiker möchte jetzt von uns hören: Ist das gut übersetzt?!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Von Christoph Leitgeb
  • 
YisangMogelperspektive Gedichte. Aus dem Koreanischen von Marion Eggert, Hanju Yang und Matthias 
 
Göritz.  € 19,-/191 Seiten. Droschl, Graz 2005
    verlag: droschl

    Yisang
    Mogelperspektive
    Gedichte. Aus dem Koreanischen von Marion Eggert, Hanju Yang und Matthias Göritz.
    € 19,-/
    191 Seiten.
    Droschl, Graz 2005

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