Internet: "Fundgrube und Selbstmord"

7. Oktober 2005, 17:30
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Benjamin von Stuckrad-Barre, Symbolfigur der Popliteratur, im Interview über sein Buch "Was.Wir.Wissen"

Mit Büchern wie "Soloalbum" avancierte Benjamin von Stuckrad-Barre zur Symbolfigur der Popliteratur. Mit der Listensammlung "Was.Wir.Wissen" thematisiert er Web-Weisheit. Darüber sprach er mit Sebastian Fasthuber.


STANDARD: Herr Stuckrad-Barre, wie soll man dieses Buch lesen?

Stuckrad-Barre: Eine ideale Lesart gibt es nicht. Ich glaube, man kann da einfach so drin rumblättern und über die Welt staunen. Man kann es aber natürlich auch von vorne nach hinten durchlesen, wenn man möchte. Vielleicht sollte man nicht mehr als zehn Seiten oder so täglich lesen. Das Buch ist vom Prinzip her eher einlullend, da kriegt man dann die vielen lustigen Einzelschicksale gar nicht mehr mit.

STANDARD: In "Was.Wir.Wissen" gibt es in dem Sinne keine Handlung, das Buch besteht nur aus Listen bzw. Ansammlungen von Informationen aus dem Internet. Wie kam es zu dieser sehr ungewöhnlichen Konstruktion?

Stuckrad-Barre: Ich bin notorischer Sammler, immer schon gewesen, und habe das auch schon in allen Büchern gern gemacht. Jetzt eben im Extrem. Die Grundfrage beim Anlegen von Listen und beim Archivieren ist die Frage: Wie ordnet man? Das ist ja im Prinzip schon das Archivieren selbst. Für jemanden wie mich, der selbst eigentlich schlecht strukturiert ist, ist da das Internet zugleich Fundgrube und Selbstmord, weil man kein Ende findet.

STANDARD: Was reizt Sie als Autor am Internet?

Stuckrad-Barre: Einerseits natürlich die Sprache. Und es interessiert mich als kollektives Gedächtnis, in dem man nicht nur nachschlagen, sondern in das man auch selbst eingreifen kann. Das Nachschauen im Brockhaus früher hat ja dem Brockhaus nichts geschadet. Wenn man heute wo reinschaut, wird das dadurch gleich in den Suchmaschinen höher gesetzt. Oder bei Wikipedia entsteht das Archiv überhaupt erst dadurch, dass die Leute etwas reinschreiben. Das macht die Sache demokratischer, aber auch fehleranfälliger. Es fehlt mir da oft eine Kontrollinstanz.

STANDARD: Das Buch ist also ein Versuch, ein wenig Ordnung in dieses Chaos reinzubringen?

Stuckrad-Barre: Ja, so sehr ich das Internet mit all seinen schönen Möglichkeiten schätze, kann es doch nie das Buch ersetzen. Insofern empfinde ich das Buch sogar als Roman. Es ist zwar keine durcherzählte Geschichte, aber es sind doch Geschichten, die erzählt werden. Jede Eintragung, die ich ins Buch aufgenommen habe, sagt doch sehr viel aus über den jeweiligen Menschen. Wie der spricht, warum der spricht. Und weil sich im Internet mittlerweile alle Arten von Menschen tummeln, kriegt man so auch einen guten Ausschnitt der sozialen Realität. Unter Nicknames wird ja weniger gelogen. Oder sehr viel mehr gelogen. Aber das entspringt dann halt einem Bedürfnis, wenn da einer schreibt, er habe einen wahnsinnig großen Busen, aber eigentlich ein Junge ist. Man bekommt also durch das Internet einen recht realistischen Wasserstand der Welt, in der wir leben. Wobei natürlich das Ergebnis auch durch den verfälscht wird, der auswählt. Wenn wir jetzt zum Beispiel beide fünf Minuten Zeit hätten, uns im Internet über Wien zu informieren, würden wir zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, aufgrund unserer Gewohnheit, unserer Bildung oder weil wir schon besoffen sind.

STANDARD: Das heißt, Sie sind, obwohl das ganze Material aus dem Internet stammt, letztlich doch auch als Autor präsent?

Stuckrad-Barre: Im Grunde mehr Herausgeber. Autor im Sinne von Wort-Erschaffer ist bei dem Buch ja die Welt. Wenn man unter Autorenschaft auch die Auswahl und das Reinbringen von Struktur versteht, empfinde ich mich aber schon als Autor dieses Buches. Das Problem war ja die Form. Ich habe mir zuerst mit den Oberrubriken aus der Zeitung beholfen, also zum Beispiel Sport. Und dann bin ich für die Unterkapitel noch mit Phrasen herangegangen, weil die jeder benutzt. Also zum Beispiel: Womit kann man keinen Blumentopf gewinnen? Die Phrasen sind wertfreie Steigbügel zu den Inhalten. Es ist erstaunlich, wie weit verbreitet viele sind: "Das schlägt dem Fass den Boden aus", das liest man in einem Forum zu einem Chirurgenkongress in Australien genauso wie auf der Website von Sporttauchern aus Lüneburg.

STANDARD: Bei Texten im Internet lässt sich oft die Herkunft bzw. Autorenschaft nicht klar zurückverfolgen.

Stuckrad-Barre: Genau, es schwingt eigentlich permanent die Frage mit: Wer spricht da? Oft verrät es sich aber auch ganz schnell, durch das Thema oder die Wortwahl. Nehmen wir nur die ganzen Technikeintragungen: "Der XP-73 ist nicht gut für 5P013." Da habe ich keine Ahnung, wovon die Rede ist, habe aber eine Vorstellung davon, wer der ist, der da spricht, und wie dessen Blick auf dieselbe Welt ist, auf der ich auch bin. Oder wenn da einer schreibt, Goethes Faust sei zu lang und Stuckrad-Barres Soloalbum besser, dann finde ich das zwar skurril, aber für den ist das zu dem Zeitpunkt richtig.

STANDARD: Bereits seit geraumer Zeit angekündigt ist ein neuer Roman von Ihnen, der auf Ihrer eigenen Geschichte basieren soll. Wie steht es damit?

Stuckrad-Barre: Ich habe letztes Jahr sechs Monate in Italien daran geschrieben. Das Lexikon hat sich dann dazwischen geschoben. Ich war ganz froh, mal von dem Thema wegzukommen. Es braucht eine ganz andere Konzentration, sich immer mit sich selber auseinander zu setzen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Zur Person

Benjamin von Stuckrad-Barre, geb. 1975 als Sohn einer Pastorenfamilie, arbeitete als Journalist ("taz", "Rolling Stone"- Magazin, "FAZ"), bevor er die Medienwelt und ihre Mecha 5. Spalte nismen in Romanen beschrieb, die ihn zum Star der deutschen Popliteratur machten: "Soloalbum" (1998), "Livealbum" (1999), "Blackbox" (2000)

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 Benjamin von Stuckrad-BarreWas.Wir.Wissen. (Rowohlt)
    foto: rowohlt

    Benjamin von Stuckrad-Barre
    Was.Wir.Wissen.
    (Rowohlt)

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