Herzensbildung, auch für Hollywood

16. Oktober 2005, 21:59
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Weiter wandern zwischen den Welten: Cornelia Funkes "Tintenblut"

Eine Geschichte über die Liebe zu Büchern, die Verführung durch Literatur, über Leselust, die einen wortwörtlich in erfundene Welten hineinzieht: Cornelia Funkes bis dato ambitioniertester Roman Tintenherz, erschienen vor zwei Jahren und seither gut 200.000-mal verkauft - er ist in jeder Hinsicht ein Plädoyer für das Lesen und das Vorlesen.

Geschickt und leichthin schrieb die Autorin und Zeichnerin Motive weiter, die spätestens seit Michael Endes Unendlicher Geschichte nicht mehr aus der zeitgenössischen Fantasy- und Jugendliteratur wegzudenken sind: das Eintreten in virtuelle Welten, das ja auch heute nicht nur Cyberspace-Visionen und Computerspielen vorbehalten sein sollte. Den Eskapismus, die Realitätsflucht, die mit solchen "Grenzüberschreitungen" verbunden ist. Nicht zuletzt: die Herzensbildung, also auch Erfahrung fürs Leben, die irgendwann einmal zwischen Traum und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden vermag.

Im Fall von Tintenherz war es ein Mädchen namens Meggie, das plötzlich mit Helden und Bösewichten konfrontiert wurde, die von seinem Vater in die "wirkliche" Welt hineingelesen wurden, wobei sich diese "wirkliche" Welt ja auch wieder zwischen zwei Buchdeckeln ereignete. Und Cornelia Funke schaffte es tatsächlich, wie nebenher, ihre jungen Leser auf sehr erwachsene Zwiespalte vorzubereiten. Bis zum Ende des Romans war nämlich etwa unklar, ob nicht Meggies Mutter, die irgendwann in einer mittelalterlichen Fantasiewelt verschwunden war, ebendort nicht glücklicher "lebte" als an der Seite ihres Mannes.

Von vornherein hatte die deutsche Autorin und Zeichnerin Tintenherz als Auftakt einer Trilogie beschrieben - obwohl sie angeblich bis heute nicht weiß, wo das alles enden könnte. Und tatsächlich hat diese Ankündigung den Anreiz für US- Filmproduzenten noch erhöht, Tintenherz als hochbudgetiertes Filmprojekt einzuplanen. Seither nennt man Funke gern "die deutsche J. K. Rowling". Dass das alles in jeder Hinsicht den Druck erhöht hat - wie gut, spannend, effektvoll müssen Bücher sein, die, obwohl es sie noch gar nicht gibt, sicher verfilmt werden? -, scheint klar. Ähnlich wie Rowling in manchen ihrer Potter-Romane zieht sich Funke beim jetzt erschienenen zweiten Band Tintenblut mit dem Schwung (und manchmal auch der Überlänge) eines soliden Fortsetzungsromanciers aus der Affäre. Das heißt, Lieblingsfiguren, wie zum Beispiel der coole Strawanzer Staubfinger werden ausgebaut, das romantische Potenzial wird (manchmal ein wenig Richtung Kitsch) gesteigert, und jetzt natürlich: Noch mehr Fantasie, was im Kino später vermutlich mehr Spezialeffekte bedeutet. Gewidmet ist das Buch bereits dem Hollywoodstar Brendan Fraser, der angeblich eine Hauptrolle übernehmen wird. Tintenblut ist also in jeder Hinsicht mehr "over the top", andererseits auch weniger kompakt als sein Vorgänger. Einige Handlungsfäden sind noch sehr lose geknüpft, was hoffentlich den dritten Band, Tintentod, nicht noch verzweigter und auf mühselige Weise komplizierter macht.

Trotzdem zählt auch dieser Wälzer hier zu den entschieden sympathischeren Lese- und Vorleseangeboten dieses Herbsts. Angenehm undeutsch, sprich: frei von Didaktik, oft mit hohem Tempo erzählt. Es müssen ja nicht immer Trilogien mit Ewigkeitsanspruch sein. Obwohl: Warum müssen derzeit so oft Trilogien sein?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Von Claus Philipp
  • Cornelia FunkeTintenblut € 22,90/736 Seiten. 

Cecilie Dressler Verlag, 2005. Die Hörbuch-Version 

(18 CDs), exzellent gelesen von Rainer Strecker, 

ist bei GoyaLIT erschienen
    foto: cecilie dressler verlag

    Cornelia Funke
    Tintenblut

    € 22,90/
    736 Seiten.
    Cecilie Dressler Verlag, 2005.

    Die Hörbuch-Version (18 CDs), exzellent gelesen von Rainer Strecker, ist bei GoyaLIT erschienen

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