Pjöngjang ernüchternd

7. Oktober 2005, 17:34
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Hwang Sok-yong scheibt in "Der ferne Garten" über politische Verfolgung, Liebe und Resignation

Ein Mann wird aus dem Gefängnis in eine Welt entlassen, die er nicht mehr erkennt. 17 Jahre lang war Oh Hyunuh als politischer Häftling von allem abgeschnitten, von seiner Familie, seiner Verlobten, den Freunden. Die Entgrenzung macht ihm Angst, er kann sich nur langsam an das neue Leben gewöhnen; er kehrt in das Dorf zurück, in dem er 1982 untergetaucht war und wo er unwiederbringliche Monate mit Han Yunhi verbracht hat.

Aus den Erinnerungen des Mannes und der Frau setzt der Autor seinen Roman über die jüngste Geschichte Koreas zusammen: Es sind zwei Stimmen, die nie wieder in einen Dialog treten werden. Die Frau ist während der Haftzeit Ohs an Krebs gestorben. Oh weiß nicht, dass seine Freundin eine Tochter geboren hat.

Er findet in dem kleinen Häuschen ihre Bilder und ihr Tagebuch, und von da an laufen die Geschichten parallel, die aus persönlichen Perspektiven die politische Entwicklung Koreas thematisieren. In Südkorea sind die jungen Leute, die gegen die Militärdiktatur und die Einflussnahme der USA protestieren, Vaterlandsverräter. Angesichts der Spaltung des Landes werden alle "Linken" automatisch zu Roten, zu Verbündeten des feindlichen Nor^dens. Erst mit Todesurteilen, dann mit Folter und Psychoterror versucht man, die Häftlinge zu manipulieren. Oh widersteht der Gehirnwäsche und erzählt emotionslos Details aus dem Gefängnisalltag. Indessen versucht Han Yunhi ihr Studium zu beenden, mithilfe der Schwester ihre kleine Tochter aufzuziehen und den Kampf der Genossen zu unterstützen. Was aber nützt es, einem die Treue zu halten, der vielleicht nie mehr aus dem Gefängnis zurückkommt? Die Erosion der Gefühle für Oh, das Hin und Her zwischen Treue und Lebenshunger, die Frage nach dem Sinn des politischen Kampfes muss die Frau für sich selbst beantworten, vor allem als sie erlebt, wie der Kommunismus zusammenbricht und in Berlin den Fall der Mauer mit eigenen Augen verfolgt.

Hwang Sok-yong ist nicht missionarisch unterwegs: Er beklagt zwar die innere Verelendung der Menschen durch schrankenlosen Konsumismus, sein Grundton ist aber nicht eifernd, sondern - auch angesichts der ernüchternden Erfahrungen in Pjöngjang - elegisch. Einst selbst wegen eines Besuchs in Nordkorea sieben Jahre lang gefangen gehalten, lebt Hwang Sok-yong nun in London. Der Anhang mit der Übersicht über die politischen Ereignisse in Korea beginnt mit 1945 und erweist sich für den eurozentrischen Leser als sehr horizonterweiternd. Umgekehrt zitiert Hwang Sok- yong Rosa Luxemburg und Brecht mit großer Selbstverständlichkeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Von Ingeborg Sperl
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Hwang Sok-yongDer ferne Garten Aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak € 15,50/520 Seiten dtv, München 2005
    foto: dtv

    Hwang Sok-yong
    Der ferne Garten
    Aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak
    € 15,50/
    520 Seiten
    dtv, München 2005

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