Reaktionen: "Fürchterliche Ohrfeige für Bush"

12. Oktober 2006, 14:43
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Köhler würdigt ElBaradeis Engagement - Auch negative Reaktionen von Greenpeace und japanischen Atombombenopfer

INTERNATIONAL

Kofi Annan freut sich

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat sich erfreut über die Vergabe des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO und ihren Chef Mohammed ElBaradei gezeigt. "Seit 1957 setzt sich die IAEO gegen die Verbreitung von Nuklearwaffen und für die sichere und friedliche Nutzung der Atomtechnologie ein", erklärte ein Sprecher Annans. Der UN- Generalsekretär hält sich derzeit zu einem Treffen mit Schweizer Regierungsvertretern in Bern auf.

Baradei habe diese wichtige Aufgabe seit 1997 mit großer Kenntnis geleitet, hieß es in der Mitteilung weiter. Der UN-Generalsekretär gratuliere ihm und den IAEO-Mitarbeitern zu ihrem Beitrag für den weltweiten Frieden. Der Preis rufe auch die Notwendigkeit in Erinnerung, Fortschritte bei der Nichtverbreitung von Nuklearwaffen und der Abrüstung zu machen. Denn Massenvernichtungswaffen seien eine große Gefahr für uns alle.

Ziegler:"Fürchterliche Ohrfeige für Bush"

Als "fürchterliche Ohrfeige für US-Präsident George W. Bush" hat der UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, die Nominierung von Mohammed ElBaradei für den Friedensnobelpreis bezeichnet. Bush, der eine Wiederwahl ElBaradeis als Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO verhindern wollte, habe eine "gewaltige Abfuhr erhalten", erklärte der Schweizer UNO-Repräsentant in einer ersten Reaktion am Freitag gegenüber der APA.

"Diese Auszeichnung ist ein einmaliger Lichtblick", freute sich der streitbare Ex-Nationalratsabgeordnete, der seit fünf Jahren in UNO-Diensten steht. "Das Nobelpreis-Komitee hat Bush und alle jene Staatschefs desavouiert, die im vergangenen September die UNO-Initiative zur Ausweitung der Atomkontrolle zum Scheitern brachten. Damals musste UNO-Generalsekretär Kofi Annan eine herbe Niederlage einstecken. Moralisch ist die UNO durch den Friedensnobelpreis nun wieder massiv gestärkt worden." Dass mit ElBaradei ein Moslem geehrt werde, sei auch symbolisch wichtig in einer Zeit, in der es im Verhältnis des Westens mit der arabischen Welt "leider bloß eine neurotische Sichtweise gibt".

Die IAEO habe durch die Zuerkennung des Friedensnobelpreises auch eine wesentliche realpolitische Stärkung erfahren, meinte Ziegler. "Das stützt die Internationale Gemeinschaft ganz enorm, vor allem im Hinblick auf die Probleme mit dem Iran, aber auch mit Israel und Pakistan."

Europarat: Baradei und IAEO haben Preis verdient

Als "wohl verdiente Anerkennung für den Kampf gegen die nukleare Bedrohung der Welt" hat der Europarat die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihren ägyptischen Generaldirektor Mohammed ElBaradei bezeichnet.

Generalsekretär Terry Davis beglückwünschte die Preisträger. Er betonte, dass die Auszeichnung auch ein Zeichen der Unterstützung für all jene sei, die daran glauben, dass der Weltfrieden am besten über internationale Zusammenarbeit geschützt werden könne.

Köhler würdigt ElBaradeis Engagement

Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler hat dem neuen Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei im Namen des deutschen Volkes gratuliert. Der stete Einsatz der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO/IAEA) gegen die Verbreitung von Atomwaffen verdiene Anerkennung, erklärte Köhler am Freitag in seinem Glückwunschschreiben.

Als Chef der Wiener Behörde habe ElBaradei Mut und Geduld bewiesen, in schwierigen Situationen unbequeme Positionen und Wahrheiten zu vertreten. Köhler versprach der IAEA beim Erfüllen ihrer Aufgabe Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland.

Schröder würdigt "sehr kluge Entscheidung"

Als "sehr kluge Entscheidung" hat der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien und deren ägyptischen Generaldirektor Mohamed ElBaradei bezeichnet.

Die Preisverleihung durch das norwegische Nobelkomitee sei nach Auffassung des Regierungschefs eine angemessene Würdigung für Baradeis "sehr gute Arbeit" während des Irak-Kriegs und dessen Bemühungen um eine Lösung des Atomkonflikts mit dem Iran, teilte der deutsche Regierungssprecher Béla Anda am Freitag in Berlin mit.

Chirac zeigt sich "sehr glücklich"

Der französische Präsident Jacques Chirac zeigte sich in einer ersten Reaktion "sehr glücklich" über den Friedensnobelpreis für die IAEO und lobte den "Schlüsselbeitrag" der IAEO und des Generaldirektors bei der Suche nach Frieden und Sicherheit in der Welt. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Chirac gratulierte auch der britische Premierminister Tony Blair der IAEO und ElBaradei. Dies zeige die "Relevanz" der Arbeit der Organisation.

Greenpeace schockiert

Die Umweltorganisation Greenpeace ist schockiert über die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA/IAEO) und an deren Generaldrektor Mohamed ElBaradei. Die IAEO, die ausschließlich für die Kontrolle der Verbreitung von Atomwaffen zuständig sein sollte, sei gleichzeitig verantwortlich für die Verbreitung von Nukleartechnologie und spaltbarem Material, das auch zur Erzeugung von Atomwaffen verwendet wird, heißt es am Freitag in einer Greenpeace-Aussendung. Durch die weltweite Werbung der IAEO für die Nutzung der Atomkraft hätten 35 bis 40 Staaten die Fähigkeit, binnen weniger Monate Kernwaffen zu bauen, wie ElBaradei kürzlich selbst habe eingestehen müssen.

"Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an eine solche Organisation wird der Sinn dieses Friedensinstruments ernsthaft in Frage gestellt", sagte der Atomexperte von Greenpeace International, Jan van de Putte, nach der Verleihung des Preises. Greenpeace hofft, dass diese Verleihung an die IAEO eine weltweite Diskussion über die "Doppelrolle dieser Organisation als Atompolizei und gleichzeitig als Werber für die Atomkraft auslösen wird".

Japanische Atombombenopfer

Die für den Friedensnobelpreis mitfavorisierte japanische Anti-Atom-Bewegung Nihon Hidankyo hat die Vergabe der Auszeichnung an die Internationale Atomenergiebehörde scharf kritisiert. "Ich verstehe nicht, warum Nihon Hidankyo den Preis in diesem Jahr nicht bekommen hat", sagte sagte Nihon-Hidankyo-Vertreter Senji Yamaguchi am Freitag. Nihon Hidankyo ist eine Organisation von Überlebenden der US-Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945.

ÖSTERREICH

Bundespräsident Fischer würdigt Standfestigkeit ElBaradeis

Bundespräsident Heinz Fischer hat anlässlich der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihren ägyptischen Generaldirektor Mohamed ElBaradei ein herzliches Glückwunschschreiben an ElBaradei gerichtet, in dem er zu der großen Ehre und Auszeichnung durch das norwegische Nobelkomitee herzlich gratulierte, wie die Präsidentschaftskanzlei in Wien verlautbarte. "Über diese Entscheidung kann man sich nur uneingeschränkt freuen, weil mit dem Friedensnobelpreis eine Person ausgezeichnet wurde, die durch Standfestigkeit, Mut und Einsatzbereitschaft im Dienste des Friedens diese Auszeichnung im höchsten Maße verdient hat", heißt es in dem Glückwunschschreiben des österreichischen Staatsoberhauptes.

"Ebenso hat sich die in Wien ansässige Atomenergie-Organisation diese sichtbare Würdigung ihres jahrzehntelangen Einsatzes gegen die Verbreitung von Atomwaffen verdient und schließlich hat das Prinzip einer Absage an die Drohung eines Einsatzes von Massenvernichtungswaffen durch die Verleihung des Nobelpreises eine wertvolle Unterstützung erhalten, was in einer Zeit zunehmender Bedrohung durch nukleare Waffen besonders wichtig ist", heißt es in der Glückwunschadresse des Bundespräsidenten.

Schüssel gratuliert

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat am Freitag die Entscheidung begrüßt, dass der diesjährige Friedensnobelpreis an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) mit Sitz in Wien und ihren ägyptischen Generaldirektor Mohammed ElBaradei geht. "Ich gratuliere hier sehr, sehr herzlich", so Schüssel am Freitag bei der ÖVP-Klubklausur in St. Wolfgang. Die Entscheidung sei eine Aufwertung Wiens als "internationales Friedens - und Sicherheitszentrum".

Schüssel: "Es ist ein tolles Symbol, den die Internationale Atomenergie-Organisation ist eine der ganz wichtigen und objektiven Institutionen, die eine der ganz großen Sicherheitsrisiken knallhart überprüft." Es sei auch gut, dass die UNO - nach schwierigen Zeiten - jetzt den Friedensnobelpreis erhält.

Plassnik: "Anerkennung unverzichtbarer Arbeit"

In ihrer Reaktion auf die Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergiebehörde IAEO und ihren Leiter Mohammed ElBaradei hat Außenministerin Ursula Plassnik (V) auf die "herausragende Reputation" der Oraganisation hingewiesen. "Ich gratuliere der ... Organisation und ihrem Generaldirektor ... zur einzigartigen Auszeichnung, die die Zuerkennung des Friedensnobelpreises darstellt", sagte Plassnik am Freitag in einer Presseaussendung.

"Damit finden ihre Arbeit und ihr Einsatz für die multilaterale, nukleare Abrüstung und die Nicht-Verbreitung von Atomwaffen die internationale Anerkennung, die sie verdienen. Das Verantwortungsbewusstsein, die Unparteilichkeit und die fachliche Kompetenz, mit der sich die IAEO diesen Herausforderungen gestellt hat, sind exemplarisch und international unbestritten", so Plassnik weiter. Ebenso weltweit anerkannt sei ihre große und steigende Verantwortung für die Bewahrung des Friedens und der internationalen Sicherheit. "Gerade in der aktuellen, von großen Herausforderungen im Nuklearbereich gekennzeichneten Phase bestärkt diese Auszeichnung die Organisation auch bei ihrer täglichen Arbeit", wird Plassnik zitiert.

Gusenbauer gratulierte ElBaradei

"Sehr herzlich" gratulierte SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) Mohamed ElBaradei zum Friedensnobelpreis. "Mit ElBaradei hat ein Mann diesen höchsten Friedenspreis erhalten, der sich nicht davor scheut, welchem Regime auch immer die Stirne zu bieten, wenn es Atomenergie entgegen internationalen Absprachen zu militärischen Zwecken zu nützen versucht", unterstrich der Oppositionsführer laut Parteipressedienst

Ein besonderes Verdienst El Baradeis sei es, die Unabhängigkeit der IAEO auch gegen heftigste Kritik zu schützen und hat damit für sich und seine Organisation jene Glaubwürdigkeit zu erhalten, die notwendig ist, um als weltweit agierende "Atompolizei" ernst genommen zu werden. Mit dem Friedensnobelpreis für ElBaradei sei auch der UNO-Standort Wien als Friedens- und Sicherheitsstandort aufgewertet worden, zeigte sich Gusenbauer überzeugt.

Glawischnig sieht Nobelpreisvergabe "äußerst zwiespältig"

Als "äußerst zwiespältig" hat die stv. Bundessprecherin der Grünen, Eva Glawischnig, die Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) empfunden. Die IAEO leiste wichtige Arbeit bei der Kontrolle von Nuklearwaffen und Uranaufbereitung. Heftige Kritik übte Glawischnig jedoch an der Position der IAEO zur zivilen Nutzung der Atomkraft und zur Festlegung von "enorm niedrigen Sicherheitsstandards". "Nur ein still gelegtes AKW ist ein sicheres AKW", kommentierte Glawischnig in einer Presseaussendung vom Freitag.

Häupl: "Verdiente Würdigung"

Wiens Bürgermeister Michael Häupl (S) hat am Freitag dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), Mohammed ElBaradei, zur Verleihung des Friedensnobelpreises an dessen in der Bundeshauptstadt ansässige Einrichtung gratuliert. Dies sei eine verdiente Würdigung verantwortungsvoller und oft unter schwierigsten Bedingungen stattfindender Arbeit, so Häupl in einer Pressemitteilung.

Die Entscheidung des Nobelkomitees sei letztlich auch eine große Auszeichnung für Wien als internationalen Standort und UNO-Amtssitz. Häupl erinnerte in dem Zusammenhang auch an die Wienerin Bertha von Suttner, die als Begründerin der internationalen Friedensbewegung vor 100 Jahren den Friedensnobelpreis erhalten hatte.

(APA/Red)

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