Der Neusiedler See und der Rand der pannonischen Teller

9. Oktober 2005, 15:34
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Der Neusiedler See könnte genügend Zukunftsthemen liefern für den burgenländischen Wahlkampf

Der Neusiedler See, den die Ungarn Fertö tó nennen, könnte genügend Zukunftsthemen liefern für den burgenländischen Wahlkampf. Diese würden aber über den Tellerrand des Landes hinausweisen. Die Parteistrategen haben sie - wohl auch deshalb - gemieden.

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Eisenstadt - Wer jenseits der Leitha - das ist jener merkwürdige Fluss, der Österreich und Ungarn einst in Cis- und Transleithanien schied -, wer also jenseits der Leitha ans Burgenland denkt und dabei ein wenig ins unscharf Träumerische gerät, wird bald das Bild des Neusiedler Sees vor sich haben.

Auch im Burgenland wäre man ganz gut beraten, es zumindest hin und wieder so zu halten. Denn tatsächlich konzentriert sich im und am See vieles, woran sich entscheidende Zukunftsfragen des Landes festmachen lassen. Von der ökologischen Energiegewinnung durch einen Windräderwald über den Natur- und Umweltschutz, den Umgang mit dem kulturellen Erbe, der Zu- und Ausrichtung des Tourismus, der Entwicklung des Verkehrs bis hin zum wohl wichtigsten Zukunftsthema des Burgenlands: Welche Rolle will, soll, muss, wird man im tatsächlich schon spürbaren pannonischen Raum spielen?

Kein einziges dieser Themen spielt im burgenländischen Wahlkampf eine wesentliche Rolle, und schon gar nicht tun sie es alle zusammen, denn das wäre dann schon beinahe so was wie eine Vision, ein Programm fürs Künftige des Landes.

Die Parteistrategen sehen den Mangel im Wahlkampf - no na - als positives Zeichen. Alles, was den See betreffe, stehe halt im Grunde außer Streit, Differenzen gebe es nur da und dort, in Details.

Einzig die Grünen schreien zuweilen. Immerhin geht es da in ihren Kernbereich hinein. Zwischen Eisenstadt und Neusiedl soll, warnt etwa die in einer Bürgerinitiative groß und stark gewordene Landeschefin Grete Krojer, die Autobahnlücke nach Bratislava geschlossen werden. Der Transitverkehr werde dann eine Schneise schlagen quer durchs UNESCO-Weltkulturerbe. Und das, obwohl es schon EU-geförderte Projekte gebe für "Verkehr in sensiblen Regionen".

Ballspiel

Auch die geplante Zuleitung von Donauwasser in den Neusiedler See findet Krojers Zustimmung nicht, "weil die Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht des Sees nicht geklärt sind". Die will der zuständige VP-Agrarlandesrat Niki Berlakovich durch Studien eruieren lassen, während SP-Landtagsabgeordnete Edith Sack Berlakovich schon auffordert, "klare Umsetzungs- und Finanzierungspläne vorzulegen", was Berlakovich etwas zum Kopfschütteln bringt, denn so ein Projekt benötige nicht nur einen Regierungsbeschluss, sondern auf jeden Fall auch "frisches Geld". Und schon ist man wieder mitten im pannonischen Wahlkampf, ein Ballschupf-Spiel mit einer heißen Grumbir, also Kartoffel, nach dem Muster von "Schneider, Schneider leich ma d'Scher": Berlakovich nimmt den SP-Finanzlandesrat in die Pflicht, Sack die Bundesregierung, denn "das ist auch beim Marchfeld-Kanal, einem ungleich größeren Projekt, nie in Zweifel gestanden".

Bauchweh

Für die Windkraft sind sie - wenig überraschend - alle. Die Grünen auch, allerdings "mit Bauchweh" wegen der Konzentration auf der seenahen Parndorfer Platte, sagt Geschäftsführerin Hertha Emmer. FP-Sprecher Norbert Hofer will aus der durch den Wind ermöglichten virtuellen Autarkie eine reale. "In Norwegen gibt es so was. Dort wird mit Windenergie Wasserstoff erzeugt und mit dem in windschwachen Zeiten durch Verbrennung Strom." Wasserlieferant wäre der See. Zum Thema hat Hofer das nicht gemacht. Mag sein, es ist ihm eine Spur zu konkret.

Viel lieber geißelt da die FPÖ Transferzahlungen an ungarische Arbeitspendler (siehe Interview). Das vermeidet die EU-firme SPÖ, - gerne würde man da ein "gerade noch" vermeiden - gerade noch. Denn beinahe inbrünstig verweist Landeshauptmann Hans Niessl auf die Überkontingentierung ungarischer Grenzgänger (siehe Interview) durch die Bundesregierung.

Das ist vielleicht überhaupt das Erstaunlichste an der aktuellen Wahlauseinandersetzung im Burgenland: dass die Frage der grenzüberschreitenden Zukunft - im Grunde die einzig denkbare - nicht einmal gestreift wird. Der Nationalpark Neusiedler See, das UNESCO-Welterbe, die EuRegio West/Nyugat-Pannonia, der Neusiedler See selbst - das sind burgenländisch-westungarische Fakten, anhand derer politische Entwürfe fürs Kommende auszuarbeiten wären. Nicht, dass diese Arbeit nicht gemacht würde. Es wird nur in Wahlkampfzeiten wenig Wind darum gemacht. Als hätten die Politiker das Gefühl, die politische Empfänglichkeit sei begrenzt: durch den burgenländischen Tellerrand, die wohl wichtigste Orientierungshilfe im Eisenstädter Landhaus. (DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2005)

Von Wolfgang Weisgram
  • Den Kopf erheben aus den Niederungen und über den Neusiedler See hinausschauen: Die Graugänse machen’s vor, die burgenländische Politik lernt da noch, nur gelegentlich wird der Blick in die Zukunft geübt.
    foto: der standard

    Den Kopf erheben aus den Niederungen und über den Neusiedler See hinausschauen: Die Graugänse machen’s vor, die burgenländische Politik lernt da noch, nur gelegentlich wird der Blick in die Zukunft geübt.

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