"Offen gesagt": Jungwähler als Statisten

4. November 2005, 16:34
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"Der ORF lädt Jugend­liche ein und lässt sie am eigenen Leib spüren, wie es ist, als StatistIn passiv bleiben zu müssen und den Mund zu halten" - Mit Protestbrief im Wortlaut

Schülerinnen und Schüler des Wiener Bundesrealgymnasiums Stubenbastei wundern sich in einem Protestbrief über den ORF. Das deklarierte Ziel von "Offen gesagt" laute doch, "Jungwähler in politische und gesellschaftliche Diskusssionen einzubinden", zitieren sie www.orf.at.

Ihre Erfahrung bei der Diskussion über die "Wahlen in der Steiermark" beschreiben sie so: "Der ORF lädt Jugendliche ein und lässt sie am eigenen Leib spüren, wie es ist, als StatistIn passiv bleiben zu müssen und den Mund zu halten." Zudem vermissten sie Vertreter der KPÖ und wunderten sich über solche der Wahlverlierer FPÖ und BZÖ. (fid/DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2005)

Kompletter Brief im Wortlaut

"Gut vorbereitet und voller Zuversicht kamen wir Sonntagabend am Küniglberg an, um den politisch Verantwortlichen dieses Landes von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Bereit das Angebot des ORF zu nutzen, öffentlich mit SpitzenpolitkerInnen der 4-5 Parlamentsparteien zu diskutieren und endlich die abgedroschenen Phrasen ignorierend die eigene Meinung kundzutun.

Doch dazu hatten wir keine Gelegenheit, da uns bereits vor der Sendung versichert wurde, dass wir sowieso nicht zu Wort kommen werden.

Das neue Konzept des ORF scheint nicht ganz aufgegangen zu sein, heißt es doch auf ORF.at im Sendungsprofil von "Offen gesagt", Ziel sei es, '[...] Jungwähler in politische und gesellschaftliche Diskussion[en] einzubinden.'

Immerhin durften wir am Anfang und Ende, auf Signal, spontan darauf losklatschen, um unserem politischen Interesse Ausdruck zu verleihen.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie viel dem ORF am Einbinden von uns Jugendlichen in das politische Geschehen gelegen ist. Junge Menschen äußern immer öfter Desinteresse und Unzufriedenheit an der politischen Landschaft Österreichs, da sie sich viel mehr als StatistInnen und nicht als mitbestimmende Kraft sehen. Und wie reagiert der ORF auf diese Situation? Er lädt Jugendliche ein und lässt sie am eigenen Leib spüren wie es ist, als StatistIn passiv bleiben zu müssen und den Mund zu halten.

Ähnlich müssen sich die MitgliederInnen der Kommunistischen Partei Österreichs gefühlt haben, die, obwohl sie 3 stärkste Fraktion in der Steiermark wurden, nicht eingeladen waren. Stattdessen durften Vertreter der FPÖ und der 'neuen' Partei BZÖ teilnehmen, die nicht einmal im steirischen Landtag vertreten sein werden.

Dass das Thema 'Wahlen in der Steiermark' zu kontroversiell und heiß diskutiert sei, um Menschen aus dem Publikum einzubeziehen hat uns in unserem Glauben an Demokratie sicher nicht weitergebracht. Nur im Studio zu sitzen um sich dem 'Charme' der ParteivertreterInnen hinzugeben ist zu wenig.

Unter diesen Umständen fiel es uns umso schwerer, trotz ausdrücklichen Verbotes, der Versuchung zu widerstehen und Hans Bürger am Anfang der Sendung beim hereinkommen kein Bein zu stellen."

Schüler des BRG Stubenbastei 6–8
Wahlpflichtfach Geschichte und Politische Bildung 1010 Wien

  • "Offen gesagt"
    foto: orf/milenko badzic

    "Offen gesagt"

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