
Sven Regener
Wien – Sven Regener sitzt in einem Wiener Kaffeehaus und beantwortet Fragen, die man ihm stellt, mit großen Mengen Text. Darin ist er ein Meister. Das bestätigte er als Autor der beiden Bestseller Herr Lehmann (2001) und Neue Vahr Süd (2004), in denen er das eher ziellos geführte Leben des Titelhelden "Herr Lehmann" um und nach dem Berliner Mauerfall beschreibt und der sogar die Weihen von Marcel Reich-Ranicki empfing. Regener: "Der exorbitante Erfolg der Bücher war so überraschend wie ein Lottogewinn."
Doch im Kaffeehaus sitzt und spricht der Seitengescheitelte als Sänger und Songschreiber der Berliner Band Element of Crime. Diese veröffentlichte eben ihr zwölftes Album. Ein Werk, in dem das Quartett einmal mehr durch intelligent-sensible Sichtweisen des Alltäglichen brilliert, Schwerpunkt Liebeslied mit Mehrwert. Da wird der Müllarbeiter zum "orangenen Held der Entsorgung" und der Platz, auf dem die Füße einer Angebeteten stehen, zum titelgebenden Mittelpunkt der Welt. Regener: "Wir versuchen den Alltag in ein neues Licht zu tauchen. Das ist ein ästhetischer Ansatz von uns."
Im Unterschied zum Gespräch ist der in Bremen Geborene als Sänger knapp und präzise. Lakonisch ist deshalb ein gerne verwendeter Begriff für die Beschreibung seiner Kunst. Stilistisch hat die Band in zwei Jahrzehnten einiges versucht. Nach englischsprachigen Anfängen und Abstechern zum französischen Chanson singt der 44-Jährige seit gut 15 Jahren auf Deutsch. Mittelpunkt der Welt, eine Sammlung von zehn Stücken, wurde in Nashville abgemischt und klingt demnach zart countryfiziert, Regener präferiert den Begriff "Folkrock". Die Einschätzung, das Album sei eher behäbig, lehnt er ab: "Wir waren immer langsam, mittel oder schnell. Daran hat sich nichts geändert."
Einserfrage: Wie sehr hat sich der Erfolg seiner Romane auf die Band ausgewirkt? Sven Regener: "Wir haben nie gedacht, dass, wer so ein Lehmann-Buch mag, auch automatisch die Band mag. Die Bücher kommen ja von mir und existieren in einem ganz anderen Genre. Aber die mediale Aufmerksamkeit hat sich verändert. Weil Lehmann in den Bestsellerlisten war, kamen plötzlich die "Tagesthemen" zu unserem Konzert. Das war neu. Die hatte ein Tourstart von Element of Crime natürlich noch nie vorher interessiert. Als Band kämpft man ja in erster Linie damit, dass man eine Chance kriegt, dass die Leute, die auf so etwas stehen könnten, überhaupt einmal erfahren, dass es das gibt. Insofern war das schon gut."
"Unglaubliches Glück"
Tatsächlich ist die Band eine Ausnahmeerscheinung, deren Karriere, wie Regener sagt, von "unglaublich viel Glück" begleitet war: "Nach unserem Debüt auf einem bald in Konkurs gegangenen Label, wollte uns niemand haben. Schließlich wurden wir an einen Major verkauft – wie irgendein Fußballspieler. Dort sind wir heute noch."
"Karrieretechnisch", um den ebenfalls schreibenden Kollegen Dieter Bohlen zu zitieren, gilt die nach dem ersten Kinofilm von Regisseur Lars von Trier benannte Band als "slow burner". Eine Band, die nie einen Radiohit hatte, sich im Laufe der Jahre vom Insidertipp bis zur heutigen Status quo mit einem sehr zufrieden stellenden Bekanntheitsgrad wandelte.
Regener: "Na ja, das stimmt schon, aber es ist ja nicht so, dass man zwanzig Jahre lang für dieselben Leute spielt. Da kommen immer welche dazu, die das für sich neu entdecken und das ist gut. Man will ja keine historisierende Band betreiben, wo man den ganzen Vergangenheitsballast ständig mitschleppen muss. Jede Platte soll auch für sich alleine stehen können. 'Karrieretechnisch' haben wir einen sehr eigenen Weg beschritten und der sieht mittlerweile recht sinnvoll aus. Wir haben die Sachen gemacht, die wir können und waren sehr stur darin, die Sachen, die wir nicht können, nicht zu machen. Musikvideos zum Beispiel. Oder Playback im Fernsehen spielen. Wir wollen das nicht. Das war aber auch mühsam. Letztlich haben wir jeden, der heute auf uns steht, einzeln abgeholt."
Bohemiens mit Bodenhaftung
An Selbstzweifel "herrschte deshalb nie Mangel", betont Regener: "Schon nach dem ersten Lied, das ich je geschrieben hatte, dachte ich: Aua, ob mir da noch mal was einfällt?" Diese Haltung arbeitet dem Ruf der Band zu, Bohemiens mit Bodenhaftung zu sein. Wie verhält sich dieses Image zur Selbstsicht? Regener: "Wir wollen vor allem Spaß. Das war immer so. Klingt komisch bei einer Band, die solche Lieder macht, aber uns machen die Spaß. Das war's schon. Wir sind total anspruchslos. Wenn einer beim Bügeln ein Lied von uns mit pfeift – super!"
Mit dieser Einstellung hat man es auch vermieden, als Diskurs-Band vereinnahmt zu werden, wie etwa die Hamburger Bands Blumfeld oder Tocotronic.
Regener: "Der Versuch, Politisches mit Kulturellem in Zusammenhang zu bringen, ist
heute übermächtig. Element of Crime lehnen
das ab. Es gibt viele Rockmusiker, die auch
noch die Welt retten wollen. Man muss hier
keine Namen nennen. Wir sind aber nicht der
Meinung, dass jemand, der drei-, vierminütige Lieder singt, den Stein der Weisen besitzt.
Wir machen da nicht mit. Musik, wie wir sie
machen, packt die Leute sehr stark bei ihrem
Gefühl. Und wir möchten niemanden beim
Gefühl nehmen und das politisch ummünzen.
Das ist Manipulation und als solche antiaufklärerisch und deshalb abzulehnen. Wir glauben an die freie Entscheidung und Demokratie. Da wollen wir nicht, dass da gesungen
wird."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)
Element of Crime: "Mittelpunkt der Welt" (Universal) ist ab 7.10. im Handel
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also das beiwort diskurs- bei band ist schon einmal schlimm genug und eigentlichen sinne redundant. aber bei blumfeld seh ich das am wenigsten ein. da sind ja noch eher die seer, grönemeyer oder die kastelruther spatzen eine diskurs-band, als die band um distelmayer.
und tocotronic ist sowieso eigenes kaptitel. da sind schon die songtitel fixfertige zitate und in tausend lebenssituationen brauchbar (Michael Ende, du hast mein Leben zerstört, So jung kommen wir nicht mehr zusammen, Ich bin ganz sicher schon mal hier gewesen, ...)
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