Ein Wald voller Einfälle

  • Artikelbild
    foto: constantin

Geisterjäger in überladenem Medley: "Brothers Grimm" von Monty-Python-Veteran Terry Gilliam

Monty-Python-Veteran Terry Gilliam macht in seinem jüngsten Kinofilm "Brothers Grimm" aus den Märchenerzählern Geisterjäger, die sich in einem überladenen Medley ihrer gesammelten Geschichten wiederfinden.


Wien – Am Anfang ist alles fauler Budenzauber. Will (Matt Damon) und Jacob (Heath Ledger), die Gebrüder Grimm aus Terry Gilliams neuem Film über die Märchensammler, sind Geisterjäger. Die Dämonen und Hexen, die sie theatralisch zu vertreiben vorgeben, beschwören sie aber selbst. Mit aufwändigen Seilwinden und effektvollem Feuerwerk beuten sie den Aberglauben des Volkes aus und sichern sich auf diese Weise ihr finanzielles Auskommen.

Mit dem realen Vorbild der beiden deutschen Gelehrten haben die Brothers Grimm so mit nur bedingt Ähnlichkeiten. Jacob führt zwar akribische Aufzeichnungen über das populäre Unbewusste der Auftraggeber und hat den Glauben an die Wahrheit hinter der Einbildung nie ganz abgeschüttelt. In seinem Bruder Will erhält er allerdings ein Gegenüber, das schon die auf geklärte Perspektive der französischen Besatzer teilt, die dem Volk die Märchen endgültig austreiben wollen.

Wer die Filme von Ex-Monthy-Python Gilliam kennt, weiß, dass dieser seit jeher der Imagination Vorzug gegenüber der Realität gegeben hat. Ob drogenbedingt wie in Fear and Loathing in Las Vegas, ob Träumen geschuldet wie in Brazil oder schon am Rande des Wahnsinn wie The Fisher King – stets wandeln seine Protagonisten an der Grenze zu einer fantastischen Welt und helfen letztlich mit, Letztere zu legitimieren.

Auch Brothers Grimm wird von dieser Bewegung bestimmt: Vom französischen General Delacombe (Jonathan Pryce) werden die Brüder auf die Mission geschickt, eine Art "Übermärchen" zu beenden. Es mutet wie ein Medley aller Grimm'schen Geschichten an: Ein verwunschener Wald, in dem Kinder spurlos verschwinden, in dem eine verzauberte Prinzessin, ein Wolfsmann und irgendwann auch noch Rotkäppchen zu ihrem Auftritt kommen.

Schusslige Clowns

So viel Prominenz macht verdächtig, und sie ist über dies schwierig zu dirigieren. Brothers Grimm leidet, nach einer überlangen Exposition, an einer Überfülle an Ideen, die sich zu keiner kohärenten Erzählung mehr zusammenfügen lassen. Den Konflikt zwischen den Wächtern der Vernunft und den Verteidigern des Volksguts verfehlt Gilliam gleich doppelt. Die Besatzer, allen voran der schusslige italienische Soldat Cavaldi (Peter Stormare), werden bei ihm zu pythonesken Clowns, während in der Märchenwelt vor allem Schauwerte dominieren, die nur wenig von der Faszination der Vorlage zu vermitteln vermögen.

Für eine Komödie, die auch dem verborgen Schrecken und der moralischen Komplexität der Grimm'schen Märchen Raum gäbe, hätte es wohl eines Regisseurs wie Tim Burton bedurft. Terry Gilliam aber hat nur ein Auge für das Groteske. Er versteht das Kino vornehmlich als Maschine für bewegte Kulissen, die Details unnötig aufbläht und Zwischentöne negiert. Das wahre Märchen, das er so gerne heraufbeschwören würde, es bleibt bei Gilliam selbst nur fauler Budenzauber.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Link

miramax.com/
thebrothersgrimm
Share if you care
18 Postings
deutsche titel ...


... können immer einiges:
ich erinnere nur an "meh´geld" (mo´money") + mein favorit 4ever "weisse jungs bringens nicht" ("white men can´t jump") ! *lol*

dafür kommt kommenden freitag "a history of violence" zu deutsch als ... "a history of violence" ins kino ... ???

Wisst ihr, was mir echt wehtut? Der "deutsche" Titel. Jedes Kind weiß doch, dass Jakob und Wilhelm die "Gebrüder Grimm" waren. Klar, es geht in dem Film nicht um das Leben der echten Brüder, trotzdem ist "Brothers Grimm" einfach eine Frechheit. Ich dachte, "I Robot" sei der Tiefpunkt der Filmsynchronisation, aber das hier schlägt ja wirklich alles. Was kommt als nächstes? "Magic Mountain - Denn du kommst nie wieder raus" oder was?

ziemlich schwacher film...

der anfang ist nicht so übel aber der film wird von minute zu minute langatmiger/langweiliger - und der schluß: autsch - da kann gar nicht glauben, daß gilliam jemals ein top-regisseur war...


nur meine meinung

EIN schwacher film macht noch keinen schlechten regisseur - aber ich erwarte nicht, dass du das verstehst.

hmm...

gilliam in hochform ist burton in hochform ebenbürtig, und beide haben in etwa im selben ausmaß mainstream-kitsch fabriziert - ich sehe keinen grund zur annahme, burton hätte einen besseren film daraus gemacht.

der perfekte regisseur für jeglichen grimm-stoff wär ein ganz anderer: david lynch.

Iiiih

Nein, das glaube ich nicht. NAch 2 Minuten leises Schnarchen durch den gesmaten Kinosaal - eine Art Kinoröschen.

stimmt.

In ein paar Szenen schlägt Gilliams alte Hochform durch.
Reicht aber nicht...

das glaube ich auch...ich würde sogar sagen, Burton hat
mehr Kitsch produziert als Gilliam...

ehrlich gesagt, habe ich nie verstanden, was an burtons filmen besonders gut sein soll. "nightmare before christmas" und "ed wood" sind zwar tolle filme, scheinen aber neben dem anderen schmus, den er produziert hat, eher ausreisser zu sein.

Dann schau Dir

"Sleepy Hollow" und erst recht "Big Fish" an...wenn das keine großen Filme sind, weiß ich nicht...

und dann wären noch

"Beetlejuice" und ganz neu und ganz toll "Charlie und die Schokoladenfabrik", ach ja und "Mars Attacks" ist auch von ihm.....

Edward Scissorhands

durchaus auch aufzählenswert

Brazil!

Bitte net vergessen.

ich habe aber

filme von Tim Burton aufgezählt!!!

Brazil ist von Terry Gilliam und nicht von Tim Burton!!!

natürlich...

trotzdem wichtig!
:-)

Ich würde Cronenberg vorziehen.

der film kriegt überall mehr oder weniger schlechte kritiken, wozu ich inhaltlich erstmal nichts sagen kann, weil ich ihn nicht gesehen hab. aber terry gilliam kann man nicht ernsthaft vorwerfen, dass er respektlos mit unserem kulturerbe umgeht - da müssten wir zuerst schon ein wenig mehr engagement zeigen, und uns selbst mit diesem erbe auseinandersetzen, beispielsweise auch in filmen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.