Unter den Brücken

10. Oktober 2005, 09:38
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Die Sprayer hatten sich nicht stören lassen. In aller Seelenruhe standen sie mit ihren Dosen am Sockel ...

Es war gestern. Und auch wenn G. zu jenen Leuten gehört, die behaupten, dass irgendwelche Kräfte und Mächte (wenn nicht gar das Gerät selbst) uns durch die Shuffle-Funktion des iPods versteckte Botschaften zukommen lassen wollen, sage ich, dass es Zufall war. Die Chili Peppers sangen vom Leben unter der Brücke als wir die beiden Sprayer. Bild und Ton passten zusammen – und vielleicht haben wir deshalb am Rest der Strecke genauer auf die Brücken geachtet.

Die Sprayer hatten sich nicht stören lassen. In aller Seelenruhestanden sie mit ihren Dosen am Sockel einer Donaukanalbrücke zwischen Spittelau und Heiligenstadt. Als wir ihnen im Vorbeitraben kurz winken, winkten sie zurück: Einmal Hang-Loose, einmal das Friedenszeichen.

Tags

Wäre es nicht peinlich anbiedernd-altklug, wären wir wohl stehen geblieben. Um zu fragen, ob es nicht auch einen genormten Gruß gäbe. Dann hätte ich mir die Tags erklären lassen und versucht, mit ein paar Brocken Jugendsprech so zu tun, als würden mein Mitläufer und ich noch wissen, was Sache ist. Scheinbar vergisst man mit zunehmendem Alter, wie lächerlich jene Erwachsenen sind, die genau das tun. Und dann auch noch verschwitzt, keuchend und in kurzen Hosen, wir waren (ein paar hundert Meter weiter) froh, der Eingebung nicht gefolgt zu sein.

Außerdem waren wir da schon weiter. Und ich erinnerte ich mich, dass ich vor ewigen Zeiten einmal mit einem Boot den Kanal flussaufwärts gefahren war. Fritz Svihalek, damals Umweltstadtrat, hatte zeigen wollen, wie spannend die Unterseiten der Brücken von seinen Straßenbeleuchtungsmenschen in Szene gesetzt worden waren: An das Lichtdesign kann ich mich nicht erinnern – aber daran, dass allen auffiel, dass jede Brückenunterseite ihren eigenen Charakter hat.

Sandlerdichte

Und eigene Nutzer. Aber das sahen wir erst jetzt. Die Friedensbrücke etwa gehört den Obdachlosen. Jedenfalls steigt die Dichte der plastiksackerlumlagerten Bänke samt dazugehörigem Personal proportional zur Nähe der Brücke. Und auch wenn das von Tag zu Tag anders aussehen mag: Beim Nixdorf-Steg ist eine ganz andere Klientel anzutreffen: Migranten und Schwarzafrikaner, aber die sitzen nicht unter der Brücke, sondern an den Tischen und Bänken entlang des Brückenaufgangs.

Darum wissen sie auch nichts vom Feuerschlucker. Den haben wir in den letzten Wochen – stets auf der Inselseite des Kanals ­ immer unter anderen Brücke gefunden. Ein nicht mehr ganz junger Mann, der da mit einer Fackel, einer Flasche und einem Feuerzeug hantiert. Ab und zu hat er Zuseher – die sitzen meistens auf der Böschung gegenüber. Er tut, als sähe er sie nicht – dreht sich aber immer so, dass man ihn und seine Flammen im Profil sieht.

Freeclimber

Die Innenstadtbrücken meidet der Flammenschlucker. Dafür sind dort Freeclimber. Und jedes Mal, wenn sich da ein Skater oder ein anderes Berufscool-Kid mokiert, dass da einer mit zitternden Beinen einen halben Meter über dem Boden wie eine Fliege an der Wand pickt (und mitunter noch einen dicken Schaumgummipolster unter sich liegen hat), rät mein Mitläufer dem Spötter, es selbst einmal zu probieren. Nicht, dass wir so naiv wären zu glauben, dass das etwas bringt – aber es geht da ein bisserl ums Prinzip.

Gestern stand unter der Salztorbrücke auch ein orthodoxer Jude. Er betete. Richtung Jerusalem. Seine Frau stand mit dem Kinderwagen ein paar Schritte abseits – und erschrak ziemlich: Zwei schnaufende Glatzköpfe, einer davon über 1,90 und auf knapp 100 Kilo Muskelmasse hochtrainiert, die im Halbdunkel auf einen zurennen, sind nicht unbedingt dazu angetan, sich kuschelig zu fühlen. Mein "shana tova" beruhigte sie – warum sie uns aber auf deutsch alles Gute für das gerade angebrochene neue jüdische Jahr nachrief, verstanden weder ich noch mein Buddy.

Amtsanmaßung

Später ­ im Stadtpark ­ hatten wir unseren kindlichen Spaß am Dröhnen und Schwingen der Holzbrücke über den Wienfluss ­ und ließen es uns nicht nehmen, den Dealern laut "Stehenbleiben Polizei" entgegenzurufen: Die Herren sprinten da jedes Mal los – und mitunter nutzen wir diese Vorlage für kleine Zwischenspurts. Aber nicht einmal wenn wir wirklich wollten, könnten wir die Stadtparkdealer einholen.

Die letzte echte Brücke kommt dann erst nach dem Naschmarkt. Und eigentlich gibt es sie auch noch gar nicht: Der Margaretensteg führt derzeit nur in den Gastgarten des Rüdigerhofes ­ und dass man da beim Durchlaufen ein etwas seltsames Bild abgibt, wissen wir. Schließlich müssen wir ja auch jedes mal grinsen, wen wir hier sitzen und irgendwelche Deppen rennen mit heraushängender Zunge zwischen den Tischen durch. Manchmal hört man das "Bummbumm" der musikalischen Schrittmacher durch das Schnaufen – und einmal, behauptet mein Buddy, habe er auch ganz eindeutig die Chili Peppers erkannt.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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