Chinas Luftfahrt boomt

7. November 2005, 14:47
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Rund 121 Millionen Passagiere sind im vergangenen Jahr in China geflogen - Airbus und Boeing kämpfen um Marktanteile

Peking - Gerade mal zehn Jahre ist es her, da bevölkerten fast ausschließlich Regierungsfunktionäre Chinas Flughäfen. Wer heute den Pekinger Airport besucht, trifft auf Geschäftsleute, Familien und Schulmädchen, die Barbie-Koffer durch die Eingangshalle ziehen. Die chinesische Luftfahrtindustrie boomt, und das vor allem dank der zahlreichen Privatreisenden.

Rund 121 Millionen Passagiere sind im vergangenen Jahr in China geflogen. Damit ist der Luftfahrtmarkt im Reich der Mitte der drittgrößte der Welt - und er bietet enorme Wachstumsraten. Um die Anteile an diesem Kuchen wetteifern die Luftfahrtkonzerne Airbus und Boeing.

Airbus und Boeing

Im Kampf um die Spitzenstellung auf dem Weltmarkt könnte China für den europäischen Flugzeugbauer Airbus und seinen US-Konkurrenten Boeing zum entscheidenden Faktor werden. Die Zahl der chinesischen Passagiere wuchs zwischen 2003 und 2004 um 16 Prozent, das war doppelt so viel wie der weltweite Schnitt. Die Erwartungen für die Zukunft sind hoch gesteckt: Airbus schätzt die möglichen Verkäufe in den kommenden beiden Jahrzehnten auf 1.600 Maschinen, Boeing sogar auf 2.000. Der US-Flugzeugbauer hat derzeit in China mit einem Marktanteil von 60 Prozent die Nase vorn. Airbus kommt auf 28 Prozent, will aber zulegen.

Mit dem neuen Airbus A350, für den am Donnerstag der Startschuss fallen sollte, greift das europäische Konsortium mit Beteiligung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien den US-Erzrivalen direkt an. Denn der A350, der 250 Passagiere fasst und 2010 ausgeliefert werden soll, ist ein Langstreckenjet - und damit genau das, was der chinesische Markt braucht. Der Flieger ist direkter Konkurrent für die 787 Dreamliner von Boeing, die zwei Jahre früher starten soll.

Einmal im Leben fliegen

Beide Konzerne bauen dabei auf Passagiere wie Yip Guijing. Die rüstige 72-Jährige ist gerade mit ihrem Mann in Peking gelandet, nach dem zweiten Flug in ihrem Leben. "Jeder sollte zumindest einmal in seinem Leben fliegen", sagt sie. Auf diese Entwicklung hoffen auch Luftfahrtexperten: "Wenn jeder Chinese mindestens einmal im Jahr fliegen kann, wird China ohne Zweifel die USA als größten Luftfahrtmarkt der Welt überrunden", sagt Li Yanhua von der Universität für Zivile Luftfahrt in Tianjin.

Experten träumen bereits von jährlich mehr als einer halben Milliarde fliegender Chinesen bis 2020, das wären mehr als vier Mal so viele wie heute. Boeing und Airbus sind bescheidener: Sie rechnen "nur" mit Wachstumsraten von bis zu acht Prozent in den nächsten beiden Jahrzehnten.

Die chinesische Regierung tut was sie kann, um den Boom zu unterstützen: In den kommenden 15 Jahren sollen hundert neue Flughäfen gebaut werden. Das Wachstum ist so rasant, dass Piloten aus Ländern wie Brasilien angeheuert werden müssen, da die Chinesen mit der Ausbildung nicht nachkommen.

Schranken müssen fallen

Doch bis der Markt sich wirklich öffnet, müssen noch einige Schranken fallen. Zum Beispiel die hohen Importzölle von 23 Prozent. Die müssen Luftfahrtgesellschaften für den Kauf ausländischer Maschinen drauflegen. Und sie haben kaum Ausweichmöglichkeiten, da China noch fast keine eigenen Maschinen baut. Auch die staatlich kontrollierten Kerosinpreise liegen um ein Drittel höher als in den USA. Dafür sind die Personalkosten deutlich niedriger. Chinesische Inlandsflüge kosten damit paradoxerweise oft noch genauso viel wie Flüge nach Europa.

Bis die meisten der 1,3 Milliarden Chinesen sich Flugtickets leisten können, ist es noch ein langer Weg. Bis dahin werden Langstrecken-Reisen in China ein bekanntes Bild bieten: Züge vollgestopft mit Menschen, die Sonnenblumenkerne kauen, Karten spielen oder Tee trinken, während sie mit ihren Nachbarn plaudern. (APA)

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