"Nicht der Stein der Weisen"

26. November 2005, 01:39
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Ist Österreichs Arbeitsmarkt zu unflexibel? - Es antwortet Arbeitsmarkt­ökonom und Volks­wirtschaftsexperte Rudolf Winter-Ebmer von der Johannes Kepler Universität in Linz

derStandard.at: Wo steht Österreich im Vergleich zu anderen Ländern in Sachen Flexibilität des Arbeitsmarktes? Mit welchen relevanten Volkswirtschaften müssen wir uns da überhaupt vergleichen?

Rudolf Winter-Ebmer: Da gibt es mehrere Vergleichsgrößen. In Bezug auf atypische Arbeitszeiten ist Österreich nicht so atypisch: Ungefähr 10 Prozent der Beschäftigten arbeiten auch Sonntags, ca. 20 Prozent auch Samstags, das entspricht etwa dem OECD Durchschnitt,ist aber auch nicht viel weniger als in den flexiblen Ländern Niederlande und Großbritannien. Hinsichtlich Ladenöffnungszeiten ist sicherlich die Lage in Österreich (noch) weniger flexibel als anderswo.

derStandard.at: Wo kann man heute von flexiblen Arbeitsmärkten sprechen, mit welchen Auswirkungen? Gibt es Vorbilder, an die sich Österreich anlehnen könnte?

Winter-Ebmer: Die Niederlande sind sicher ein gutes Beispiel, weil sie seit Mitte der 80er Jahre stark sinkende Arbeitslosenraten aufzuweisen haben. Eines der Rezepte der Niederlande war mehr Arbeitsmarktflexibilität, insbesondere legistische Erleichterung von Teilzeitarbeit; was in letzter Konsequenz auch zu mehr Vollzeitarbeit geführt hat.

Beschäftigungswirkungen des Kündigungsschutzes sind weniger eindeutig: internationale Studien zeigen, dass arbeitnehmerfreundliche Kündigungsschutzbestimmungen kaum zu weniger Beschäftigung führen, sie erschweren aber die Chancen von Randgruppen (Älteren, Jüngeren, Personen mit häufigeren Jobwechseln). Es zeigt sich aber, dass es auf die Rechtssicherheit ankommt: besser eine höhere Abfertigung, die ausbezahlt werden muss als einen langen Instanzenweg beim Arbeitsgericht, wo klargestellt werden soll, ob eine Entlassung gerechtfertigt war oder nicht.

derStandard.at: Glaubt man den Vertretern der Befürworter oder Gegner einer Arbeitszeitflexibilisierung, so scheint es, als ob eine Flexibilisierung Positives für Unternehmen und Negatives für Arbeitnehmer bedeutet. Ist die Sache so?

Winter-Ebmer: Wenn eine Flexibilisierung zu mehr Beschäftigung führt, so kann sie auch für diesen Teil der Arbeitnehmer positiv sein. Es gilt jedoch zu bedenken, dass mehr Flexibilisierung bei der Arbeitszeit von mehr - zeitflexiblem - Kinderbetreuungsangebot begleitet sein muss. Die Arbeitnehmer empfinden insbesondere Arbeitszeit auf Abruf als besonders schwer mit der Familie vereinbar.

derStandard.at: Erhöhung der täglichen Normalarbeitszeit von acht auf zehn Stunden, der Höchstarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden, die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 60 Stunden sind Punkte, die von der Industrie gefordert werden und als eine der Hebel für mehr Beschäftigung gesehen wird. Brauchen wir mehr Beschäftigung?

Winter-Ebmer: Natürlich brauchen wir mehr an Beschäftigung, insbesondere für schlechter qualifizierte Personen, die derzeit den Hauptteil der Arbeitslosen stellen. Die Situation wird sich auch in Zukunft nicht spürbar verbessern, weil es zunehmende Konkurrenz durch internationalen Handel und Migration geben wird. Eine wirtschaftspolitische Herausforderung ist aber auch die Qualität von diesen Arbeitsplätzen.

derStandard.at: Bewegen wir uns in dieser Diskussion so wie sie heute geführt wird, vorwärts in eine uns noch unbekannte Richtung oder rückwärts Richtung Anfang der Industrialisierung?

Winter-Ebmer: Die Arbeitszeiten und -bedingungen zu Zeiten der Industrialisierung sind sicherlich nicht mit den heutigen vergleichbar. Es wird auch in vielen Bereichen - denken Sie an Telearbeit und auch im IT Sektor - flexiblere Arbeitszeiten geben, die stark von den Arbeitnehmern mitentschieden werden.

derStandard.at: Der Chef eines renommierten Computerherstellers erklärte im Vorjahr, dass er keineswegs ein Ende der Produktion in Europa sehe (das Unternehmen assembliert in Deutschland Computer). Er führte an, man habe durch den Standort Europa für das Europa-Geschäft einen Zeitvorsprung von rund drei Monaten gegenüber asiatischen Herstellern, die ihre Desktops verschiffen müssen. Bei Notebooks, so meinte er, sei die Zeitspanne durch den Lufttransport geringer, hier stelle sich aber die Frage, wie ökologisch sinnvoll das sei. Stellen wir überhaupt die richtigen Fragen bei der Arbeitsmarktdiskussion?

Winter-Ebmer: Es sollte auch klargestellt werden, dass Arbeits(zeit)flexibilisierung nicht der "Stein der Weisen" sein kann. Es kann zu etwas mehr Beschäftigung führen; das Hauptproblem ist sicherlich in Kontinentaleuropa die zu geringe Wachstumsrate, bedingt durch makroökonomische Ursachen. (Red)

Zur Person

Rudolf Winter-Ebmer ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz, Research Professor am Institut für Höhere Studien in Wien und Research Fellow am Londoner Centre for Economic Research sowie am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit. Koordinator des Schwerpunktfaches "Industrieökonomie, Firmen und Internationale Ökonomie" im Rahmen des Wirtschafts­wissenschaftsstudiums der JKU. Seine Schwerpunkte in der Forschung liegen in der angewandten Arbeitsmarktökonomie, wo er sich mit Fragen der Immigration, Lohnbildung, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und der Bildungsökonomie beschäftigt hat.

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    foto: privat
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