Aggressive Bohème

14. Oktober 2005, 01:50
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"Decadence & Isolation", das neue Album von Phillip Boa & The Voodooclub

Früher einmal besaß der Mann ja eine Reputation, für die man den alten Wiener Spruch bezüglich des Wurstkranzes um den Hals bemühen musste. Von wegen: dass wenigstens die Hunde mit ihm spielen. Früher, das war Mitte, Ende der 80er-Jahre, als Ernst Ulrich Figgen als Phillip Boa mit seiner Band, dem Voodooclub, über die Welt kam und bei Konzerten als Publikumsbeschimpfer und in Interviews als Journalistengift bald auf Klaus-Kinski-Niveau gleichzog. Nichtsdestotrotz galt Boa als der neben den Einstürzenden Neubauten einzige deutsche Pop-Act, der damals international Beachtung fand.

Noise-Pop nannte man seine Mischung aus melodieverliebtem Pop und avantgardistisch anmutendem Lärm, der früh Meisterwerke wie Aristocracie zeitigte und im Laufe der Jahre verfeinert und sogar massentauglich wurde. Nicht zuletzt wegen des Zutuns seiner Langzeitgefährtin auf und abseits der Bühne, Pia Lund, die dem Misanthropen mit ihrem hübschen Melodiegesang etwas den Gram nahm. Als Weggefährten dieses Stils galten heute längst vergessene Künstler und Bands wie The Membranes, Jowe Head, die TV-Personalities, die britischen Birthday-Party-Nachahmer Inca Babies oder die Palookas. Die veröffentlichte Boa auf seinem eigenen Label Constrictor Records. Dank ans Resthirn an dieser Stelle! Boas Alben fielen - trotz mancher eher flacher Eruptionen - nie unter ein bestimmtes Niveau. Dazu erarbeitete er sich früh eine treu ergebene Fangemeinde, die ihrem abseits jeglicher Trends stur seinen Weg gehenden Star brav folgte. Selbst als er den Voodooclub kurze Zeit auf Eis legte oder später ohne Lund weitermachte - die beiden trennten sich in den späten 90ern. Seit dem 2003er-Album C 90 ist Lund wieder in der Band, deren Gesang auch das nun erschienene Decadence & Isolation wesentlich prägt. Boa und sein Voodooclub machen auch im Jahr von Franz Ferdinands zweitem Album, im Jahr von The Rakes und während einer weiteren Reunion von The Gang Of Four, was sie immer schon gemacht haben: himmelstürmende Popsongs, die mit einem Bein im Post-Punk stehen, mit dem anderen im selbst geschaffenen Mikrokosmos aus aggressiver Bohème und Weltschmerz.

Wobei eine langsam einsetzende Altersmilde dem groß gewachsenen Mann gut steht: Making Noise Since 85 heißt ein zufrieden klingender Song, ein Rückblick auf ein 20-jähriges Dasein als "sympathisches Arschloch". Der seit Jahren abwechselnd in Malta und Berlin lebende Musiker lässt sich zwar auch heute noch als mittel bis schwer gestörter Soziopath ablichten. Von wegen: Soul On Ice und andere Wesenszüge, die von der früheren Mischung aus Arroganz und Verachtung ihre Spuren hinterlassen haben. So lässig entspannt hat Phillip Boa aber lange nicht geklungen - ohne dass die elf Songs deshalb an Biss eingebüßt hätten. "I still wanna change the world maybe more than ever" singt er in 21 Years Of Insomnia. Dass ihm das nicht gelingt, scheint Antrieb für das Weitermachen dieses Besessenen zu sein. Auch Scheitern hat also etwas Gutes. Spitzenalbum!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)

Von Karl Fluch
  • Phillip Boa & The VoodooclubDecadence & Isolation (Motor/Warner)
    foto: warner

    Phillip Boa & The Voodooclub
    Decadence & Isolation
    (Motor/Warner)

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