Früher ist das neue Heute

14. Oktober 2005, 01:50
2 Postings

Politisch aufgeladene Retro-Mischung aus Ska, Punk, Dub und Reggae: "The Dead 60s" aus Liverpool

The Dead 60s aus Liverpool stellen mit ihrer politisch aufgeladenen Retro-Mischung aus Ska, Punk, Dub und Reggae das Jahr 1979 ziemlich erfolgreich nach.


Im Gegensatz zu vielen anderen gegenwärtigen Brit-Bands machen sich The Dead 60s gar nicht erst die Mühe, etwas verschleiern zu wollen. Sie berufen sich offen auf ihre Vorväter. Nicht nur Sänger Matt McManamon gibt auf dem titellosen Debütalbum dieses Quartetts aus Liverpool den Joe Strummer für die Generation iPod. Sich in den Weiten der Echoräume verlierend, bemühen sich im Hintergrund auch die restlichen drei durchaus als Fotomodelle für Fred Perry durchgehenden Musiker an Bass, Gitarre und Schlagzeug darum, The Clash selig keine Schande zu machen.

Man darf jetzt zwar amtlich verordnet junge Menschen nicht mit historischen Querverweisen langweilen. Beziehungsweise muss man davon ausgehen, dass die heutige Zielgruppe von den Dead 60s noch gar nicht geboren war, als Punk-Gottvater Joe Strummer und The Clash 1979 ihr sich wie immer auch stark an Dub und Reggae anlehnendes Meisterwerk London Calling inklusive des heute auf Firmenfeiern und bei Afterwork-Clubbings laufenden Evergreens des Titelsongs veröffentlichten. Ganz zu schweigen vom ersten Album der britischen Ska-Punks The Specials aus 1979 oder frühen Werken von Joe Jackson wie Look Sharp!. Richtig, auch diese Platte stammt aus 1979. Nicht zu erwähnen den genialischen Polit-Punk-Funk der heute weiter unten auf der Seite in der Musikrundschau gastierenden Gang Of Four mit Entertainment! aus: 1979. Auch die letztgenannte Partie berief sich trotz aller milchgesichtigen Punkerei in ihrer Anfangszeit auf jamaikanische Musikstile.

Immerhin durchweht Ska und Reggae ja immer auch der Geist der Revolution - oder sagen wir besser: der Revolte. Auch The Dead 60s wollen sich in diesem Bereich ein wenig umtun. Immerhin ist also all die unverschämte Flaucherei bei der Vätergeneration doch für etwas gut. Nicht nur, dass mit Songs wie Riot Radio, You're Not The Law oder Train To Nowhere der Geist der Freiheit auf die Reise in die heruntergekommenen Arbeiterquartiere nicht nur von Liverpool geschickt werden soll. Damit alles irgendwie besser wird. So die Gesellschaft und das politische Bewusstsein und so. Die wie The Clash heute bei Sony/BMG, einer kleinen, aber global nicht nur im Freizeit- und Wohlfühlsektor agierenden karitativen Einrichtung, beschäftigten The Dead 60s müssen sich, so wie früher Joe Strummer, schon auch den Vorwurf gefallen lassen, ob sie diesbezüglich noch ganz dicht sind. Von wegen: Vereinbarkeit politischer Ansprüche mit unverhohlen ausgelebtem Gewinnmaximierungsanspruch.

Trotz allem: Wenigstens werden überhaupt noch relevante Ansprüche jenseits von Wohlfühlen und Drogenbeschaffung formuliert. Diesbezüglich traurig schaut es ja auch gerade in der grassierenden Retromania zwischen Postpunk, New Wave - und wie man jetzt auch anhand von Tripping, der neuen Single von Robbie Williams, sieht - dem kurzfristigen Comeback von Ska aus. Politische Willensbildung, ein altes Minenfeld des Pop, soll gefälligst außerhalb der Freizeitzone stattfinden.

Matt McManamon und seine drei Freunde kämpfen sich mit guter alter "Fuck the Police!"-Rhetorik nicht nur durch das Inferno von brennenden Mülltonnen, Helikopterlärm und im Hintergrund leise um paranoide Schübe flehende Polizeisirenen. Man erinnere sich, wir schreiben das Jahr 1979, Großbritannien ist eine Militärdiktatur, und es regiert die Mutter von Tony Blair, Maggie Thatcher. Mit gelegentlich in den Songs gastierender Geisterbahnorgel, derb auf dem Hi-Hat-Becken im Offbeat marschierendem Politprotest, aus der Gitarre gerissenen Pflastersteinen, mit denen man das Bezirksgericht demolieren will, und fröhlich anarchistisch hinterherhumpelndem Bass wird die Revolution ausgerufen. Irgendjemand muss die Drecksarbeit schließlich machen. Zwischendurch dürfen sich unsere Helden dann auch betrinken: "I wanna be horizontal." Früher ist das neue Heute.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)

Von
Christian Schachinger
  • The Dead 60s  The Dead 60s (Sony/BMG)
    foto: sony

    The Dead 60s
    The Dead 60s
    (Sony/BMG)

Share if you care.