Musikrundschau: Elfen, Trolle, Gospelsänger - und alte Marxisten

14. Oktober 2005, 01:50
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Neue Alben vom Black Rebel Motorcycle Club, von der Gang of Four, von Coloma und von Sigur Rós

BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB
Howl

(Echo/ Edel)
Der Albumtitel verneigt sich nicht nur vor Beat-Poet Allen Ginsberg und seinem bekanntesten Werk. Das Trio aus San Francisco hat sich nach einem unentschlossen verzerrt-wabernden zweiten Psychedelic-Noise-Pop-Album (Take Them On, On Your Own) und dem Hinauswurf bei der Industrie jetzt auch auf seine Wurzeln besonnen. Die alten dröhnenden und lärmenden Rock-'n'-Roll-Vorgaben von Haupteinflussgebern wie The Jesus And Mary Chain oder Spacemen 3 wurden drastisch zurückgefahren. Die Band um Robert Levon Been, den Sohn des großartigen Pop-Tragöden Michael Been von The Call aus den frühen 80er-Jahren, betreibt jetzt Wurzelforschung. Auf großteils akustischer Basis stellt man in den neuen Songs klassischem Gospel ebenso nach wie stampfendem Country-Rock und -Blues. Und über allem schwebt der Geist von Johnny Cash.

GANG OF FOUR
Return The Gift

(V2/Edel)
Für die 1977 gegründete Band aus dem britischen Leeds muss man dann doch einen an und für sich verbotenen Begriff verwenden: Gang Of Four sind legendär! Erstmals seit 1981 tourt das Weltmeister-Quartett, das damals marxistisch ausgerichtet die Verhältnisse im Zeitalter des Post-Punk mit Vorstudien zum Crossover-Genre zum Tanzen brachte, nicht nur mit altem Material von Alben wie Entertainment! oder Solid Gold wieder in Originalbesetzung durch die Welt. Der ebenso brachiale wie zwingende Funk (To Hell With Poverty, Damaged Goods, I Love A Man In A Uniform) erfährt jetzt über die Neueinspielung ihrer größten "Hits" erstmals auch eine adäquate Soundentsprechung mit aggressiver als früher agierender Band. Eins in die Fresse, mein Herzblatt! Gründerväter der Moderne! Die Bonus-CD mit Remixes von jungen Leuten wie The Dandy Warhols oder Hot Hot Heat ist nett. Ehret das Alter!

COLOMA Dovetail
(Klein/Soul Seduction)
Das britische Duo mit Kölner Wohnsitz erweiterte den melancholischen Autoren-Techno und Schwermut-Pop aus dem Laptop der beiden Vorgänger Silverware und Finery jetzt um organische Instrumente. Das Ergebnis klingt wie intellektueller und doch beseelter Synthiepop, der auch einmal Erasure oder Depeche Mode gut zu Gesicht gestanden wäre.

SIGUR RÓS
Takk . . .

(EMI)
Die isländische Band mit dem esoterisch in Fantasiesprache vorgehenden Kopfstimmensänger Jonsi Birgisson bewegt sich nach dem fantastischen wie herzerweiternden Pathos-Manifest Agetis Byrjun von 2001 zunehmend in Bereiche, die auch gern ein Chris Martin von Coldplay erforschen würde - wenn es ihm die Plattenfirma erlauben würde. Ausufernde, verhallte, unfassbar wunderschön im Breitwandformat mit Streichern angelegte Kitschepen, zu denen man in der Wohnung Elfen, Trollen und anderen Erdgeistern nachspüren kann. Dazu empfehlen wir den Romanklassiker "Seelsorge am Gletscher" von Halldor Laxness.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.10.2005)

Von
Christian Schachinger

  • GANG OF FOUR Return The Gift  (V2/Edel)
    foto: v2/edel

    GANG OF FOUR
    Return The Gift

    (V2/Edel)

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