Laufender Ärztezwist

10. November 2005, 15:46
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Mit seiner Warnung, dass Laufen vor allem weiblichen Problemzonen abträglich sei, bringt ein Schönheitschirurg die Sportmedizin gegen sich auf

Es gibt kein Mittel, das davor schützt, missverstanden zu werden. Das weiß Carlo Hasenöhrl. Aber gerade deshalb betont der in Wien und Innsbruck praktizierende ästhetische Chirurg, dass er mit einer Aussendung, mit der er Mitte September in zahlreichen Medien zitiert wurde, keineswegs dem Couchpotatoismus das Wort reden wollte: "Meine Warnung war kein Plädoyer fürs Nichtstun - ich habe ja auf etliche Alternativen zum Joggen verwiesen. Aber wer partout will, wird das natürlich falsch verstehen."

In der Sache selbst, betont der Beauty-Arzt, sähe er deshalb keinen Grund zu relativieren: Er rate, hat Hasenöhrl proklamiert, Frauen davon ab, Fettpölstern, Gewebeerschlaffung und Problemzonen durch Laufen Paroli bieten zu wollen - und dies gelte nicht nur für Damen mit großer, sondern auch für Frauen mit Durchschnittsoberweite: Selbst im gut sitzenden Sport-BH werde die Brust permanent bewegt, und ebenso wie an Gesäß und Oberschenkeln "kommt es so zu massiven Bewegungen der Schwerkraft, und die durch hormonelle Einflüsse schon gelockerten elastischeren Fasern werden einer regelrechten Zerreißprobe unterzogen."

Auch Männern rät Hasenöhrl vom Laufen ab

- und wird dabei vom Innsbrucker Orthopäden Ambros Giner unterstützt: Selbst optimales Schuhwerk könne hohe Belastungen der Fußgelenke und der Bänder nicht verhindern - und sogar auf weichem Boden seien Schädigungen durch das ständige Andersaufsetzen der Füße möglich.

Die Botschaft: Eine "Laufwarnung", die nicht nur für Menschen mit orthopädischen Problemen und Frauen mit großen Brüsten gelte, sondern für jeden. Der Rat der Mediziner: Umsatteln - etwa auf Nordicwalking oder Schwimmen. International, meint Hasenöhrl, gehe der Trend längst in diese Richtung: "In den USA ist Laufen rückläufig." Wenn Norbert Bachl Derartiges hört, stöhnt er. Besonders schmerzhaft, meint der Leiter des Österreichischen Institutes für Sportmedizin, seien solche Warnungen aus dem Mund von Kollegen. Denn, so Bachl, "im Kern stimmen die Aussagen - nur schießen die Schlussfolgerungen übers Ziel hinaus".

Dass Sport-BHs nicht die ihnen zugeschriebene Dämpfung erbrächten, höre er "zum ersten Mal", und auch sonst "bin ich da nicht glücklich" - nicht, weil es falsch sei, dass beim Laufen bei jedem Schritt das zwei- bis dreifache Körpergewicht auf den Füßen laste ("aber mit gutem Schuhwerk, orthopädischer Beratung und der richtigen Technik ist Laufen meistens sehr wohl möglich"), oder ob der Gefahren auf unebenem Untergrund ("okay - das Leben ist eben lebensgefährlich"), sondern "wegen der gesundheitspolitischen Komponente solcher Botschaften": Heute, wo Bewegungsmangel Hauptursache vieler Zivilisationskrankheiten ist, "sind das die falschen Signale". Fakt, so Bachl, sei, dass es "trotz kleinerer möglicher Probleme immer noch besser ist, richtig zu laufen", als das zu tun, was viele tun - nichts.

Auch Hasenöhrls Rat, auf andere Sportarten umzusteigen, findet beim Sportmediziner wenig Anklang: "Nordicwalking ist fein - aber man kann nicht alle dazu bekehren. Was das Schwimmen angeht: Die meisten Leute verwechseln Schwimmen mit Baden." Denn so sportlich, wie sich Österreich gerne sieht, ist das Land bei Weitem nicht, erklärt der Freizeitforscher Peter Zellmann: Nur jeder Dritte betreibe tatsächlich regelmäßig Sport. Weitere 33 Prozent sind daran "interessiert". Da diese Zahlen über Jahrzehnte nahezu konstant sind, bestehe nicht zuletzt seitens der Sportartikelhersteller großes Interesse, zum Umstieg (oder Erstkauf) zu motivieren: Gut gemeinte Ratschläge engagierter Mediziner würden da rasch missinterpretiert.

Denn eines, betont Zellmann, gelte für alle Sportarten - ob hochgejubelt oder mit Warnetiketten beklebt: "Sport ist so gesund wie Ernährung. Das Potenzial ist da - es kommt darauf an, wie man damit umgeht."
(Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/07/10/2005)

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