Weiß-heiten

27. Oktober 2005, 15:42
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Perfekte Zähne sind ein Statussymbol - Zur Zahnaufhellung haben Apotheken und Handel jede Menge neue Produkte parat

"So white, so gut", lautet ein Werbespruch von Ulrike Linthaler. Die Fachärztin für Zahnheilkunde macht mitten in Wien in ihrer Praxis, die sie "Schönheits-Oase" nennt, Leuten ihr Lächeln leichter, indem sie es weißer macht. Der Eingang zu ihrer Praxis ist gleich gegenüber der Pestsäule am Graben, und so mancher Kritiker hält den Trend zur Zahnweißung für das, wonach die Säule benannt ist. Die Zahnärztin ist da anderer Meinung: "Claudia Schiffer hat es, Tom Cruise ebenso, und bei Heidi Klum wirkt es besonders beeindruckend." Schöne Zähne steigerten nicht nur die Attraktivität, sondern bestimmten die ganze Ausstrahlung einer Person.

Doch das künstliche Lächeln der Stars sorgt für "Zahnschmerzen" bei manchem Zuschauer. Angesichts der strahlenden Gebisse wachse bei Normalbürgern die Sehnsucht nach Zähnen, die weißer seien als gemeinhin üblich, berichtet etwa James Steele, Professor für Zahnmedizin an der Universität Newcastle. Zahnärzte sprechen deshalb bereits scherzhaft von der angestrebten Zahnfarbe "California white" und meinen einen Farbton, den es eigentlich gar nicht gibt. Die deutsche Klatschkolumnistin Katja Kessler, eine gelernte Zahnärztin, lästerte kürzlich in der "Neuen Zürcher Zeitung", ein Fan am roten Teppich brauche heute eigentlich eine Hochalpinbrille, "sonst wird er schneeblind."

In Deutschland sind lediglich 43,5 Prozent der Bevölkerung "rundum zufrieden mit den eigenen Zähnen", wie die "Initiative proDente" herausgefunden haben will. Auf die Frage "Wie hoch ist Ihre Bereitschaft, Geld für das schöne Aussehen der Zähne auszugeben?" antworten in Deutschland mehr als 47 Prozent mit "hoch" oder "sehr hoch". Das klingt nach guten Verdienstmöglichkeiten für Dentisten und dürfte hier zu Lande ähnlich sein. So mancher Zahnarzt hat sich denn auch in Österreich inzwischen auf kosmetische Zahnkorrekturen spezialisiert und überlässt die klassischen Tätigkeiten wie Bohren lieber den anderen.

Mehrere Hundert Euro kostet...

... einen Kunden die kosmetische Prozedur des Zähnebleichens in einer Praxis. Chemisch werden die Zähne dabei mit demselben Wirkstoff behandelt, den man auch zum Haaraufhellen nimmt: Wasserstoffperoxid. Ein speziell zusammengesetztes Gel wird auf die Zähne geschmiert und dann mit Licht- oder Laserstrahlen aktiviert. Dunkle Pigmente, die sich abgelagert haben, oxidieren und verschwinden.

Doch Zähne werden schon längst nicht mehr nur in der Praxis gebleicht, sondern eben auch massenhaft daheim. Nach Angaben von Procter und Gamble ("Blend-a-med") sind im Jahr 2004 in Österreich in Handel und Apotheken mit Zahnbleichprodukten für den Hausgebrauch mehr als fünf Millionen Euro Umsatz gemacht worden. Im Jahr 2003 war es erst etwa die Hälfte. Vor dem Jahr 2003 war das so genannte Homebleaching nur mit Kunststoff-Schienen möglich, die der Konsument mit einem Gel füllte und dann einmal oder mehrmals täglich in den Mund schob. Dieses Verfahren gibt es nach wie vor, doch inzwischen sind auch andere Möglichkeiten auf dem Markt.

"Blend-a-med" bietet beispielsweise mit einem Bleichgel beschichtete Kunststoff-Streifen an, die so genannten "Whitestrips". Sie haben nach Firmenangaben einen dominierenden Marktanteil in Österreich. Zweimal täglich je eine halbe Stunde angewendet, sollen die Streifen innerhalb von zwei Wochen dafür sorgen, dass die Zähne ein Jahr lang heller sind. Praktisch alle Mundhygiene-Marken haben inzwischen Ähnliches im Angebot. Die Preise liegen zwischen etwa 15 und 50 Euro.

Ein Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde mag den aus Amerika kommenden Trend des Zähneweißens jedoch ganz und gar nicht. Bleaching sei keine Medizin, sondern nur Teil eines übertriebenen Jugendwahns. Helle Zähne wirkten jünger, weshalb vor allem Frauen zwischen 20 und 35 ihren Star-Vorbildern nacheifern würden. Nebenwirkungen wie gereiztes Zahnfleisch oder überempfindliche Zähne würden sie dabei in Kauf nehmen. "Studien haben bisher den Verdacht nicht ausräumen können, dass aus Versehen geschlucktes Bleichmittel Tumorwachstum im Darm unterstützt, wenn nicht sogar auslöst", so Hans-Otto Bermann von der wissenschaftlichen Gesellschaft. Die deutsche Stiftung Warentest betonte in einem Artikel, dass es sinnvoll sei, erst einmal zu prüfen, ob die Originalfarbe der eigenen Zähne nicht schon weiß genug sei.

Doch nicht nur das "Bleaching"...

... zeigt den gesellschaftlichen Trend, sich immer mehr um seine Zähne zu kümmern. Manchem reicht es nicht, einfach nur weißere Zähne zu haben. So gibt es im deutschsprachigen Raum inzwischen diverse Kliniken, in denen man sich die Zähne komplett "durchsanieren" lassen kann. Beispiel ist das Zentrum für Zahnästhetik in Ostrhauderfehn in Norddeutschland. Wer in dieser Klinik ein Maximum an Implantaten möchte und das ganze Drei- bis Vier-Tage-Programm - auf Wunsch bei Vollnarkose - bucht, der muss tief in die Tasche greifen. Der Preis: durchaus im Bereich eines oberen Mittelklassewagens
(Der Standard/rondo/07/19/2005)

Gregor Tholl über den aktuellen Bleaching-Trend
  • Immer neue Bleaching-Produkte dringen auf den Markt: Oral-B hat einen Whitening-Pen...
    foto: hersteller

    Immer neue Bleaching-Produkte dringen auf den Markt: Oral-B hat einen Whitening-Pen...

  • Blend-a-med die den Markt dominierenden Whitestrips...
    foto: hersteller

    Blend-a-med die den Markt dominierenden Whitestrips...

  • Perlweiß ein spezielles Whitening-Gel.
    foto: hersteller

    Perlweiß ein spezielles Whitening-Gel.

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