Prinzessinnen- Dramen

12. Oktober 2005, 16:37
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Christian Dior, Modeschöpfer und Erfinder des New Look wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden

Christian Dior - ein Name, den jeder kennt. Ein Label, das viele vergöttern. Doch die wenigsten wissen, wer der Modeschöpfer eigentlich war. Man hat vergessen, dass er es war, der für die Frauen erst den Zweiten Weltkrieg beendete, als er für sie 1947 den "New Look" erfand. Nun konnten sie die breitschultrigen Männerjacken ausziehen, die Entbehrungen der vergangenen Jahre vergessen. Nun konnten sie sich wie Prinzessinnen fühlen und ihre Weiblichkeit wiederentdecken in Kleidern mit weit ausschwingenden Glockenröcken und zierlicher Wespentaille.

Christian Dior revolutionierte damals nicht nur die Mode, er erschuf ein neues Lebensgefühl. Ohne ihn wären die Boulevardgeschichten um Soraya, Queen-Schwester Margaret und Grace Kelly nur halb so schön gewesen. Und auch Audrey Hepburn in "Ein Herz und eine Krone" wäre nur den halben Oscar wert. Für ein Jahrzehnt lehrte er die Frauen, von Mode wieder zu träumen. Deshalb stand für sie auch die Welt für einen Augenblick still, als Christian Dior völlig überraschend 1957 starb.

Auch wenn man sich an die Person Christian Diors kaum noch erinnert, sein Name hat bis heute nichts an Glanz eingebüßt. Bei Umfragen nach dem bekanntesten Modeschöpfer in Paris belegt er, vor Chanel und Yves Saint Laurent, regelmäßig den ersten Platz. So, als ob er heute noch leben würde. Wer weiß schon, von Modefans einmal abgesehen, dass John Galliano mittlerweile die (Damen-)Kleider im Hause Dior kreiert?

Christian Dior hatte niemals Modeschöpfer werden wollen

Als Sohn eines Düngemittelfabrikanten in Granville in der Normandie behütet und bürgerlich aufgewachsen, träumte er davon, Architekt zu werden. Seinen ehrgeizigen Eltern zuliebe studierte er politische Wissenschaften in Paris, um später die diplomatische Laufbahn einzuschlagen. Seine Liebe zur Kunst aber sollte dies verhindern. Er lernte George Braque und Pablo Picasso kennen, befreundete sich mit Jean Cocteau und Christian Bérard und beschloss, eine Galerie zu eröffnen. Sogar sein Vater unterstützte ihn nun.

Als jedoch die Familie beim Börsenkrach von 1929 ihr gesamtes Vermögen verlor, musste auch der junge Christian seine Galerie wieder schließen. Um überleben zu können, arbeitete er als Pressezeichner und verkaufte Modeentwürfe an die Couture. Der Krieg, in dem Dior als Soldat diente, unterbrach zwar diese Entwicklung, aber 1941 engagierte ihn Lucien Lelong als Assistenten, der damals, neben Chanel und Elsa Schiaparelli, den wichtigsten Modesalon in Paris führte.

Die Versuchung, sich mit einem eigenen Modehaus selbstständig zu machen, trat erst 1946 in der Person des Textilmagnaten Marcel Boussac an Christian Dior heran. Frankreichs "Baumwollkönig", dem zahlreiche Fabriken gehörten, versprach, ihn zu finanzieren, wenn er im Gegenzug eine Mode lanciere, deren Schnitte viele Meter Stoff benötigen würden. Die Wette galt!

Mit dem beispiellosen Etat von sechzig Millionen alter Francs und einem Stab von 85 Mitarbeitern eröffnete Christian Dior seinen Salon und lud für den 12. Februar 1947 zum ersten Defilee. Er hatte sich von der Belle Époque inspirieren lassen, zeigte knappe Jacken mit weichen Schultern und Wespentaille zu wadenlangen Glockenröcken. Carmel Snow, Chefredakteurin der amerikanischen Modezeitschrift "Harper's Bazaar", gratulierte ihm: "Ihre Kollektion ist eine Offenbarung, ihre Kleider sind wunderbar. This is a totally new look!" Der Terminus war gefallen. Die Legende nahm ihren Lauf. Nur wenige wussten, dass Christian Dior am Abend seines Erfolgs durch die Räume seines Modehauses ging und verzweifelt murmelte: "Was habe ich bloß getan!"

Christian Dior war ein ruhiger, stiller Mann mit dem "Gesicht eines Dorfpfarrers aus rosa Marzipan", wie der Fotograf Cecil Beaton lästerte. Vor jedem Defilee, bei dem er mit einer neuen Linie fast diktatorisch den Frauen und der Mode vorschrieb, wie sie in der nächsten Saison ein halbes Jahr lang auszusehen hatten, war er so nervös, dass es für ihn unmöglich war, seine Wohnung zu verlassen. Dior liebte das Landleben, seine Mühle in Fontainebleau, seinen Hund Bobby und seine Blumengärtnerei in Caillan, die ihn ständig mit frischen Maiglöckchen versorgte, seinen Lieblingsblumen. Das aufreibende Modegeschäft ging eigentlich über seine Kräfte.

Hellsichtig, wie er war, hatte er deshalb schon frühzeitig. ..

... seinen erst 21-jährigen Assistenten Yves Saint Laurent zu seinem Nachfolger bestimmt. 35 von dessen Entwürfen zeigte er in der Herbst-/Winterkollektion 1957, die Diors letzte werden sollte. Nach deren Anproben hatte er sich, völlig erschöpft, nach Montecatini geflüchtet, um sich zu erholen. Zehn Tage nach seiner Ankunft erlitt er einen Herzanfall und starb.

Die Trauerfeier fand am 29. Oktober 1957 in Paris statt. 2500 Menschen nahmen daran teil. Als Ehrengast begleitete die Herzogin von Windsor den maiglöckchengeschmückten Sarg. Und die Pariser Tageszeitung "Le Monde" schrieb dazu: "Er war ein Mensch, der mit dem guten Geschmack, der Lebensart und dem verfeinerten Stil identifiziert wurde, als deren Verkörperung Paris weltweit gilt. Es darf behauptet werden, dass diesem Mann ein großer Teil von Frankreichs Ruf zu verdanken ist."
(Peter Bäldle/Der Standard/rondo/07/10/2005)

  • Bei Umfragen nach dem bekanntesten Modeschöpfer belegt er regelmäßig den ersten Platz: Christian Dior
    foto: dior

    Bei Umfragen nach dem bekanntesten Modeschöpfer belegt er regelmäßig den ersten Platz: Christian Dior

  • Kreation von 1949
    foto: dior

    Kreation von 1949

  • Kreation von 1956
    foto: dior

    Kreation von 1956

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