Demnächst vielleicht Kartoffeln

6. Dezember 2005, 19:23
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Accessoires sind die Waffen der Designerlabels gegen Konkurrenz und Krise

Tom Ford ist ein Mann, der die Perfektion liebt und nur die Perfektion. Deswegen wird er auch nie diesen Tag vergessen, diesen einen Tag, sechs Jahre ist das her, an dem irgendetwas nicht stimmte, er wusste nur nicht, was. Ford blickte an sich hinunter, sah die gewellten Brusthaare, die getönte Haut, die manikürten Fingernägel, blickte um sich, hinein in seine Wohnung, sah Glas, Holz, Stahl, die weißen Blumen, die schwarzen Möbel, den braunen Jack-Russel-Terrier John, alles schien so gut zu passen, was also war falsch?

John schmatzte. Ford blickte ihn noch einmal an, sah dessen sanft lächelnden Mund, sah die weißen, geraden Zähne: Sie bohrten sich gerade in einen alten, weichen, speichelgelben Beißknochen. "Was nutzen mir die besten Kleider, die schönsten Häuser, wenn John so hässliche Sachen mit sich herumträgt?", soll Tom Ford ausgerufen haben. Und entwarf noch am selben Tag - einen neuen Knochen; einen, der in sein Haus passt und in sein Leben. In Schwarz und Rot, für große und kleine Hunde gibt es das Spielzeug seither bei Gucci zu kaufen, auch jetzt, nachdem Tom Ford längst weg ist.

Über 800 verschiedene Accessoires...

... bietet das Modehaus in diesem Jahr an: Taucherbrille und Aschenbecher, Grillwerkzeug und Handschellen; Klassiker wie Tasche, Gürtel und Schuhe laufen natürlich besonders gut. Sie und nicht mehr Rock und Robe sind die letzten Waffen der Designerlabels im Kampf gegen Konkurrenz und Krise. Als Prada im vergangenen Jahr tief in die roten Zahlen geriet, monierten die Analysten, dass die Accessoires nur fünfzehn Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen würden. Bei Versace will der neue Chef Giancarlo di Risio diesen Anteil von fünf auf dreißig Prozent steigern, um wieder Gewinn zu machen.

Für ihre aktuellen Anzeigen haben Dolce & Gabbana, Prada und Chanel ihre Mädchen sorgfältig geschminkt, edel angezogen, perfekt ausgeleuchtet, aber all die kostbaren Kleider scheinen nur dicke, rote Pfeile zu sein, die auf das Immergleiche deuten: den Beutel nämlich, welcher den Modells so selbstverständlich am Ärmchen hängt, als sei er ein eigener Körperteil, ein besonders schöner noch dazu. Nur eine Handtasche präsentierte Marc Jacobs bei seiner ersten Schau für Louis Vuitton im März 1998, dieses Jahr waren es 41. Jacobs erzählte unlängst, dass er mit seinem Arbeitgeber, LVHM-Boss Bernard Arnault, nur ganz kurz über Kunst und Kleider reden dürfe. "Das sind unsere menschlichen fünf Minuten. Aber am Ende interessieren ihn dann doch immer nur die Taschen."

"Ich suche Bernard Arnaults Anerkennung...

... wie ein kleiner Junge", verriet Marc Jacobs, und deswegen entwarf er in diesem Jahr nicht nur Taschen für die Frauen, sondern auch für die Männer. Yves Saint-Laurent und Dries van Noten taten es ihm gleich. Und so liefen in diesem Jahr in Paris, auf den Brettern, die das Geld bedeuten, eine ganze Reihe finster dreinblickender Kerle umher, die ihre Täschchen so liebevoll und ungeschickt trugen wie Väter ihr neugeborenes Baby. Angeblich soll in London schon jeder vierte Mann eine Handtasche haben. Und als Dior kürzlich in Paris einen Laden ausschließlich für Herrenaccessoires eröffnete, zerrten viele Frauen ihre Männer sofort zu den Regalen mit den Tragebeuteln. Das schleppende Geschlecht, so scheint es, will die Last nun teilen, zur Freude der Modeindustrie.

Als Karl Marx vor über 150 Jahren im Manifest der Kommunistischen Partei beschrieb, wie die Bourgeoisie rastlos um den ganzen Erdball jagt, immer auf der Suche nach neuen Absatzmärkten, da beschrieb er natürlich auch die Politik der Designerlabels. Weil die durch die harte Konkurrenz in ihrem eigentlichen Bereich, den Kleidern, immer weniger Geld verdienen, kolonialisieren sie immer neue Gebiete.

So gibt es beispielsweise nur wenige...

... alte, starke Schuhmarken, weshalb die Modehäuser dort in den kommenden Jahren das große Geschäft erwarten. Gucci bietet sogar schon Babypantoffeln an. Und längst vergangen sind die Zeiten, in denen Paul Smith auf der Treppe zum Flugzeug nach Mailand seinen Kollegen gestand, dass er das Gefühl habe, irgendetwas vergessen zu haben. "Klar", war die Antwort, "wir haben keine Schuhe entworfen."

Auch den Schmuck haben die Designer lange vernachlässigt. Claire Kent, Analystin bei Morgan Stanley, verkündet schon seit langer Zeit: "Echtschmuck ist der Markt der Zukunft. In dieser Branche gibt es gerade einmal drei große Namen: Cartier, Tiffany und Bulgari. Und gleichzeitig gibt es immer mehr Kunden, die bereit sind, viele hundert Euro dafür auszugeben." Marc Jacobs entwarf dann auch gleich eine unterarmgroße, mit Diamanten besetze Manschette im Wert von 130.000 Euro, Chanel bringt Cocos Lieblingsblume, die Kamelie, auch als Ring heraus. Und Tom Ford befand im Frühjahr 2004: "Wir haben in diesem Bereich noch ein großes Potenzial."

Dann verließ er Gucci - und vielleicht war das gar nicht so schlecht. Denn wer weiß, was Tom Ford außer Colliers und Krawatten, Hundeknochen und Handschellen sonst noch alles so eingefallen wäre auf seinen Feldzügen der Verschönerung, bei der globalen Guccisierung. Bei seinen Galadiners zum Beispiel soll er oft über die Farbe der Kartoffeln gemeckert haben.
(Jakob Schrenk/Der Standard/rondo/07/10/2005)

Geld macht man heute mit Taschen, Schuhen und Schmuck. Oder mit Brandeisen und Hundeknochen.
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