Der Mode-Gaudí

10. November 2005, 15:46
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Seine schrill-bunte Mode macht süchtig: Custodio Dalmau, Kreativkopf von "Custo Barcelona", ist der erfolgreichste Modedesigner Spaniens

Der muskulöse Mann, der zwischen halb nackten Mädchen umherhuscht, sieht aus wie der Besitzer eines In-Klubs auf Ibiza: braun gebrannt, lange Silberkette mit Kruzifixen auf der Brust, weit aufgeknöpftes Poloshirt, Armyshorts und Badeschlapfen. Die schulterlangen Locken sind lässig nach hinten geschwungen, als hätte er sie zur Erfrischung gerade in einen Sektkühler getaucht.

Doch wir befinden uns nicht an der Strandbar auf den Balearen, sondern in einem schicken Loft-Atelier in SoHo, New York. Und der gereifte Beach Boy ist kein Partyfreak, sondern der erfolgreichste spanische Modedesigner: Custodio Dalmau, der zusammen mit seinem Bruder David vor über 20 Jahren angetreten ist, die Mode bunter und motivreicher zu machen. Die Globalplayer verkaufen heute in über 30 Ländern und machen einen Jahresumsatz von 80 Millionen Euro.

Zwischen Stuck und Ziegelwänden probieren die Models zum letzten Mal ihre Laufsteg-Outfits an, werden kleine Änderungen an Kleid und Look vorgenommen. Morgen ist der große Tag: Custo Barcelona präsentiert seine Frühjahrskollektion 2006 in den Zelten der New York Fashion Week im Bryant Park, Manhattan.

Unverkennbar "Custo Barcelona" sind die fantasievollen, gegenständlichen Print-Grafiken, die irgendwo zwischen Flora, Fauna und Comicwelten schweben, und die leuchtenden Töne, an denen sich das vom vorherrschenden Farb-Purismus ergraute Auge lustvoll rot reiben kann. Schon seine erste Schau auf der Olympus Fashion Week in New York 1997 wirkte auf das Publikum wie eine LSD-Pille am Strand von Goa. Seitdem sind besonders die Amerikaner süchtig nach ihrer saisonalen Dosis Custo, vor allem nachdem sich auch Stars wie Julia Roberts, Lenny Kravitz oder "Sex & The City"-Star Sarah Jessica Parker seiner Farbtherapie unterzogen haben.

Doch von der lässigen Casualwear, ...

... mit der die Custo-Brüder einst begannen, scheinen sie sich peu à peu zu verabschieden. "Unsere Kollektion ist diesmal betont feminin und sexy", sagt Custodio, während er mit der Hand über die Kleiderständer mit Micro-Minis, Hot Pants und figurbetonten Kostümjacken fährt. Es glitzert vor Pailletten und Perlen, blustert vor Federn und strotzt vor Spitzen-Applikationen so fein wie Spinnweben. Dazu gibt es viel Streifen, dunklen Khaki-Grund hinter leuchtenden Farben und einen fröhlichen Materialmix im 70er-Patchwork-Stil. Hippie-Glam im besten Sinne, doch sehr edel in Szene gesetzt und eher auf einer schicken Party zu tragen als am Strand oder auf der Straße. Ein interessanter Schritt, wo doch die renommierten Modehäuser wie Prada oder Louis Vuitton gerade mit Jeans-Kollektionen auf den erfolgreichen Zug der Casualwear aufspringen. "Jedes Label muss seinen eigenen Weg finden, sich selbst zu erneuern", meint der Katalane ungerührt. Überhaupt hat er sich nie um Trends geschert, sondern selbst welche gesetzt.

Als die Weltenbummler aus Barcelona einst eine Reise auf dem Motorrad von Alaska bis nach Feuerland und Asien unternahmen, war Custodio noch Architekturstudent und David an der Kunsthochschule. An den Surferstränden verliebten sie sich in die sommerlichen Palmen- und Wassermotive, welche die Beach-Szene beherrschten. Zurück in der Heimat Barcelona began- nen sie, eigenhändig T-Shirts mit launigen Grafiken zu bedrucken - mit so viel Erfolg, dass sie 1996 eine komplette Frauen- und Männerkollektion nachlegten. "Ich habe das Architekturstudium nie so ernst genommen", erklärt Custodio, der schließlich von der Universität flog. "Eigentlich brauchte ich nur einen Vorwand für meine Eltern. Die Mode und das Grafikdesign haben mich viel mehr fasziniert - doch einen Zusammenhang gibt es: Sowohl Modemacher als auch Architekten müssen sich ständig mit Linienführungen und Formen beschäftigen." Und die farbenfrohen und figurativ dekorierten Gaudí-Bauten in Barcelona scheinen seinen Stil ebenfalls geprägt zu haben.

Es war eine weise Entscheidung der Brüder, zuerst den Mitte der 90er-Jahre prosperierenden US-Markt anzupeilen. Und ein Glück war, das Julia Roberts schnell die Custo-Shirts in einem Shop nahe ihrer Ranch in New Mexico entdeckte und darin in den Gazetten landete. "Wir hatten damals noch gar keine Ahnung, wie wichtig das Product-Placement an Promis ist", gibt Custodio zu. "Besonders in Amerika, wo Hollywood-Stars die mächtigste Modereferenz sind." Doch die Brüder lernten schnell, und Custodio weiß heute: "Hätten wir damals nur in Europa oder Spanien begonnen, wäre so schnell niemand auf uns aufmerksam geworden."

Auch die Team-Arbeit mit David, ...

... der sich öffentlich lieber im Hintergrund hält, sieht Custodio als Schlüssel zum Erfolg: "Du musst nie etwas allein mit dir ausdiskutieren, sondern du hast immer ein kritisches Gegenüber." Kreativität im Doppelpack - das funktioniert auch bei Dsquared, Viktor & Rolf oder Dolce & Gabbana hervorragend. Im Gegensatz zu dem luxusliebenden italienischen Modemacherpaar aber führt der zweifache Vater Custodio mit seiner Familie ein eher bescheidenes Leben am Stadtrand von Barcelona, seinen Kleiderschrank schmücken keine Labels, sondern Vintage-und Armeeteile und eine stattliche Parade Badeschlapfen.

Ein Anzug? Fehlanzeige. "Ich glaube, ich habe in den letzten 20 Jahren genau zweimal einen getragen - jeweils zu Hochzeiten von Freunden. Und da musste es sein." Am glücklichsten ist er in einer einfachen Hütte am Meer und wenn er dabei, wie diesen Sommer, vier Wochen lang Kite-Surfen kann. Den Strand kann man bei Custo Barcelona immer spüren, auch hier auf dem glamourösen Pflaster der Straßen von New York.
(Der Standard/rondo/07/10/2005)

Silke Bender traf ihn in New York
  • Print-Grafiken, die irgendwo zwischen Flora, Fauna und Comicwelten schreiben: Das ist Custo Barcelona. Im Bild: Ccustodio Dalmau.
    foto: custo

    Print-Grafiken, die irgendwo zwischen Flora, Fauna und Comicwelten schreiben: Das ist Custo Barcelona. Im Bild: Ccustodio Dalmau.

  • Zwei der in New York gezeigten Outfits...
    foto: custo

    Zwei der in New York gezeigten Outfits...

  • ... für das Frühjahr 2006.
    foto: custo

    ... für das Frühjahr 2006.

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