Scheidungsfest

2. Jänner 2007, 13:12
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Eine Scheidung ist ein Neubeginn - Oder: Nichts anderes als ein umgekehrter Polterabend

+++Pro
Von Karl Fluch

Wirklich lustig ist das nie. Immerhin bedeutet eine Scheidung selbst im einvernehmlichen Fall das Scheitern eines Lebensabschnitts, der mit starkem Glauben und großen Gefühlen begonnen hat. Aber was aus ist, ist aus, und eingedenk des Sinnspruchs "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende" ist eine Scheidung also ein Neubeginn. Und wenn man die Hochzeitsnacht nicht mehr erlebt hat, weil man bereits am Nachmittag vor lauter Glück vollfett unter der Hochzeitstafel gelegen ist, kann man auch jetzt ein Fass auftun. Schon um zu zeigen, dass es einen trotzdem noch gibt, und um den Status quo seines Freundes- und Bekanntenkreises zu definieren. Habe ich noch Freunde oder hatte ich nur welche wegen meiner Ex?

Wer sich dieser Frage nicht stellt, ist nicht nur feig, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch blöd. Denn ob verleugnete Wirklichkeiten für künftige Beziehungen eine brauchbare Basis sind, muss bezweifelt werden. Also: Ein Scheidungsfest ausrufen und sich der Wirklichkeit stellen! Optimalerweise liegt man am Ende vor lauter Glück wieder vollfett unter dem Tisch. Oder auch nicht. Illuminiert ist man auf jeden Fall.

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Contra---
Von Wolfgang Weisgram

Im Grunde spräche ja nichts gegen ein so genanntes Scheidungsfest, denn Feste soll man eben feiern, wie sie fallen. Freilich gibt es gewichtige Gründe, die gegen diese Fallsucht sprechen. Im Falle des so genannten Scheidungsfestes vor allem der, dass dieses nichts anderes ist als ein umgekehrter Polterabend.

Beendet man bei dem einen durch die absichtlich herbeigeführte Besinnungslosigkeit seine Freiheit, so feiert man beim anderen auf ebensolche Weise deren Wiederkunft, wobei da wie dort kurz vor ihrem Einsetzen oft ein nacktes Mädchen bejohlt aus einer Tortenattrappe hüpft, recht beschwingt, weil hoch bezahlt.

Scheidungen aber erheischen - so wie deren Gegenteil, die Vermählungen - das Innehalten. Das heißt nicht, dass diese Momente nicht fröhlich oder feucht sein dürfen. Sie dürfen nur nicht laut sein. Man setzte sich, von mir aus mit zwei, drei Bouteillen ans Seeufer. Man mache sich handgemein mit einer herzhaften Flasche irischen Whiskys. Man suche das Zwiegespräch mit einem ansehnlichen Fass Bockbier. Das alles ist hoch in Ordnung, solange man dabei in sich geht. Und nicht aus sich heraus.

(Der Standard/rondo/07/10/2005)

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    foto: der standard
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