Heimat großer Töchter

27. Oktober 2005, 14:54
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Ich leb ja jetzt in der Heimat großer Töchter und frag mich, warum es darunter keine weiblichen Lebemänner gibt

So wie die Männer Lichtgestalten haben - Don Juan, Casanova und Falstaff -, das fehlt bei Frauen eklatant. Was ist da für poetischer und ökonomischer Mehrwert geschaffen worden, bloß weil diese Männer sich selbstlos im Dienst der Sinnenfreude verausgabt haben! Wie erbärmlich dagegen die Rollen von großen Töchtern wie Berta Zuckerkandl etc., die es Papi immer schön recht machen wollten. Deshalb eine Frage an die Frauenbeauftragten:

Warum gebt ihr nicht von eurem vielen, schönen Frauenbeauftragten-Geld ein Auftragswerk in Arbeit? Einen herrlichen Roman über eine Falstaffin? Eine kettenrauchende Falstaffin, immer auf der Lauer nach jungen Männern, die sie un-PC-mäßig in den Popo zwicken könnte?

Die Falstaffin ist bislang kein Erfolgsmodell in Kunst und Literatur, sie kommt kaum oder gar nicht vor. In der Historie finden wir vielleicht noch Kathi Schratt, die keinen Gugelhupf stehen lassen konnte und auch diverse Achterln nicht verschmähte, aber sonst werden die Falstaffinnen verschämt unter den Teppich gekehrt. Frauenbeauftragte haben leider die unselige Neigung, mir zu suggerieren, dass sie nichts anderes sind als größere Töchter, die dem Papi jetzt beweisen müssen, dass sie etwas bewegen können. Papi hat nicht immer Recht! Frauen können auch anders. Sie können ihr Falstaff- Diplom machen. Sie brauchen bloß einen Mann, vor dem Papi immer gewarnt hat - schon sitzen sie im Haubenlokal und lernen, wie man drei Monate Kinderbeihilfe in zwölf Stunden der Wirtschaft zuführt.

Ich weiß, ich bin als Falstaffin allein auf weiter Flur, aber mein Papi liest ja Gott sei Dank nicht diese Kolumne. Wenn doch, würde er mir und allen Frauenbeauftragten Oscar Wilde ins Ohr raunzen: Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagens.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/07/10/2005)

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