Orpheus (Trust) muss schweigen - Mit Kommentar

14. Oktober 2005, 01:50
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Das in Wien wirkende Archiv zur Aufarbeitung von Daten über während der Nazizeit aus Österreich vertriebene Musiker steht vor dem Aus

Wien - Der in Wien gegründete und auch hier ansässige Orpheus Trust, ein Archiv zur Aufarbeitung von Daten über während der Nazizeit aus Österreich vertriebene Musiker, plante anlässlich seines zehnjährigen Bestehens eine Serie von Veranstaltungen.

Sie sollten nicht nur in Wien, sondern dank des ausgezeichneten Rufs dieser Institution, auch in mehreren anderen Kulturzentren Europas stattfinden. Kooperationen mit dem Jewish Music Institute in London, mit der Musica Reanimata in Berlin, dem Jewish Musik Festival in Budapest, dem Jüdischen Museum in Amsterdam und mit dem Französischen Kulturinstitut waren fix vereinbart. Und das Programm so weit unter Dach und Fach, dass es den zuständigen Gremien der EU in Brüssel zwecks finanzieller Förderung vorgelegt werden konnte.

Bedauerlicherweise wurde das Projekt abgelehnt. Und dies nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil es die budgetären Erfordernisse - ein Drittel der Kosten müssen vom Land, aus dem das Ansuchen stammt, getragen werden - nicht erfüllte. Die 70.000 Euro, die von der Stadt Wien in Aussicht gestellt wurden, reichten dazu nicht aus, zumal vom Bund überhaupt keine Zusagen erfolgt waren.

So musste ein Projekt, mit dem das nun endende österreichische Gedenkjahr einen würdigen gesamteuropäischen Nachhall gefunden hätte, unrealisiert bleiben. Darüber hinaus könnte sogar der Fall eintreten, dass "Orpheus Trust" seine Arbeit aus Geldknappheit einstellen muss.

Der Gesamtetat von 160.000 Euro reicht für die Arbeit nicht mehr aus. Die Stadt Wien wäre bereit, ihren Beitrag von 73.000 Euro aufzustocken, würde auch der Bund seinen bisherigen Zuschuss von 27.000 Euro in angemessenem Ausmaß erhöhen.

Zwei diesbezügliche Schreiben an Staatssekretär Morak blieben unbeantwortet. Als es Primavera Gruber, der Gründerin und Leiterin des Orpheus Trust gelang, zu einem zuständigen Mitarbeiter im Bundeskanzleramt telefonisch vorzudringen, wurde sie in so harschem Ton abgewiesen, dass sie "den Hörer vom Ohr weghalten musste".

Muss Orpheus betteln?
(Kommentar)

Hätte man alles nicht schwarz auf weiß vor sich, müsste man es für einen bösartigen Witz halten: Da echauffiert sich das offizielle Österreich zu allen fotogenen Gelegenheiten, die auch den entsprechenden publizistischen Niederschlag versprechen, im Volkssport der Political Correctness; da wird anlässlich der glorreichen Wiedergeburt unseres ratenweise ohnedies allmählich wieder abgeschafften Staates ge-, be-und nachgedacht, dass alle Großköpfe rauchen; da ist für ein paar Erdäpfel am Heldenplatz und sonstiges subkulturelles Entertainment im Handumdrehen eine Million Euro da.

Doch für eine Institution wie den "Orpheus Trust", die ohne großen rhetorischen Dampf und ohne opportunistisches Gewusel in Politikerbüros wertvolle Knochenarbeit verrichtet - nämlich das, was in diesem Land einst durch Unrecht und Kunstfeindschaft vernichtet und ausgejagt wurde, durch mühselige Spurensammlung und -sicherung zumindest fiktiv wieder herzustellen -, dafür ist freilich kein Geld vorhanden. Weil sich vor vergilbten Notenblättern nicht eindrucksvoll posieren lässt.

Oder vielleicht doch. Wenn auch ganz anders, als es sich die zuständigen Stützen unserer Gesellschaft vielleicht wünschen: Denn gerade durch dieses würdelose Feilschen um Zuständigkeiten und durch diesen Rückzug auf kameralistische Formalitäten beweisen alle Beteiligten, wie egal ihnen die schuldhafte Vergangenheit des von ihnen verwalteten Landes im Grunde ist und wie pflicht- und schuldlos sie sich fühlen.

Bliebe noch ein Ausweg: So wie der Bundeskanzler für den teuren "25 Peaces"-Spaß mit Belvedere-Pawlatschen und anderem bei diversen Firmen Sponsorgelder keilte, könnte er sich doch jetzt für den "Orpheus Trust" einsetzen. Wenn schon bei keiner Firma, dann vielleicht bei seinem Kunststaatssekretär.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.10.2005)

Von Peter Vujica
  • Link                orpheustrust.at (mit Möglichkeit zur Unterstützungserklärung)
    grafik: orpheus trust

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    orpheustrust.at

    (mit Möglichkeit zur Unterstützungserklärung)

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