Jetzt nur kein nostalgisches Duo!

4. November 2005, 16:36
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"Donnerstalk" präsentiert sich zum Auftakt etwas härter als am Küniglberg gewohnt - Grund: Alfred Dorfer macht wieder mit Josef Hader Programm - DER STANDARD sprach mit beiden

Etwas härter als am Küniglberg gewohnt, präsentiert sich am Donnerstag der Auftakt zur jüngsten Staffel des satirischen "Donnerstalk" auf ORF 1. Ein Grund dafür: Alfred Dorfer macht zum ersten Mal seit "Indien" wieder mit Josef Hader Programm. Claus Philipp sprach mit beiden.

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STANDARD: "Dorfers Donnerstalk" war in der bisherigen Konstellation - der Kabarettist im Gespräch mit parodierten Prominenten - durchaus erfolgreich. Was waren die Gründe, die Sendung zu verändern?

Alfred Dorfer: Ich wollte für verschiedene Herangehensweisen und Inhalte mehr formale Möglichkeiten zulassen, dafür war das bisherige Talkkorsett zu eng. Davon abgesehen, dass sich Parodie und Realität in den Talkformaten immer weniger unterscheiden.

Josef Hader: Muss ich da jetzt auch etwas sagen dazu?

Dorfer: Na ja ...

Hader: Also, so wie ich das Konzept vom Fredi verstanden habe, will er ein paar Kollegen verstärkt zu einer künstlerischen Begegnung einladen und die jeweiligen Sendungen entsprechend darauf anpassen. Mit Stermann/Grissemann läuft's ja anders als mit Lukas Resetarits. Wenn wir beide in den ersten zwei Sendungen jetzt quasi talkshowartig aufeinander treffen, dann ist das nur ein Teil eines größeren "Theaters".

Dorfer: Es wird auch Sendungen geben, in denen es keinen Gast gibt. Wo zum Beispiel die Mascheks einfach ORF-Informationssendungen verbiegen.

STANDARD: Welches Konzept haben Sie beide sich jetzt für das erste Duo seit "Indien" vor zwölf Jahren zurechtgelegt?

Hader: Nicht auf Nummer sicher gehen. Nicht zuerst ein Hader-Solo, dann ein Dorfer-Solo und dann ein nostalgisches Duo, sondern eine kleine fortlaufende Geschichte über Bulimie, Baumärkte, Erfolgszwang, bei der aber wiederum die "Themen" gar nicht so wichtig sind ...

STANDARD: Wie viel ist improvisiert, wie viel geschrieben?

Dorfer: (lacht)

Hader: Halb-halb, oder nein, eher 80:20.

STANDARD: 80 Prozent wurden improvisiert?!

Hader: Nein, umgekehrt. Aber es ist ein bisschen wie beim Jazz. Wir musizieren Text. Wir erleben da eine schöne Geborgenheit, weil einerseits jeder auf den anderen aufpasst, und da traut sich dann andererseits manchmal der Einzelne mehr, als wenn er allein wäre. Vom Banalen ins Politische und retour. Sehr assoziativ. Und dabei haben wir letztlich nur ein großes Grundmotiv: Was fällt uns gemeinsam ein, wenn wir uns wieder zusammensetzen?

STANDARD: Was hat sich denn für Sie geändert in den Jahren seit "Indien"?

Dorfer: Privat? Öffentlich? Insgesamt beschleicht mich derzeit das Gefühl einer allgemeinen Auflösung. Dinge und Strukturen, mit denen wir seit vielen Jahren leben, verflüchtigen sich, werden umformatiert, sind nicht mehr haltbar. Deutschland ist dafür gegenwärtig ein gutes Beispiel.

Oder jetzt gerade die Türkei-Blockade: Einen Tag vor der Aufzeichnung der Sendung, am Wahlsonntag in Graz, haben wir zwei, so wie alle in den Medien, noch darüber diskutiert, dann kommt die Wahl, und am Montag ist das für die Regierung scheinbar kein Thema mehr. Bei der ganzen Diskussion ging es nur um schamlose Wahltaktik.

STANDARD: Schüssel und seine Kollegen haben aber doch offenkundig Sorgen und auch Ressentiments artikuliert, die nicht nur Österreich beschäftigen, sondern in der EU weit verbreitet sind.

Hader: Klar, es gibt ein Unbehagen. Es macht aber schon einen Unterschied, ob man, wie Schüssel, am Anfang sagt: Die Verhandlungen sind offen. Oder ob man plötzlich noch Formulierungen verlangt, die überhaupt nichts bedeuten, aber jede "offene" Verhandlung merkwürdig belasten. In der Auseinandersetzung ging es doch nur darum, eine Flagge zu hissen, die der ÖVP rein intern bei den Wahlen nützen könnte.

Und was nicht weniger bestürzend war: Die SPÖ als politischer Mitbewerber reagiert sofort um nichts weniger taktisch: Wie bringt man den Umfrage-Vorsprung ins Ziel? Ungeniert wird kleinliche Interessenpolitik betrieben, ohne dass denen irgendwer auf die Finger klopft.

Dorfer: Erstaunlich viele Dinge sind jetzt wieder möglich.

Hader: Ja, wenn ich mir zum Beispiel das Fernsehprogramm anschaue; oder ich höre von dieser neuen Tanz-Sendung - die angeblich unglaublich gut gemacht sein soll: Prominente machen einen Tanzkurs! Wenn man mich fragen würde, in welchem Jahrzehnt das passiert, dann würde ich sagen: Pionierzeit des Fernsehens, da fallen mir nur mehr die Fünfzigerjahre ein.

STANDARD: Auch in den Comedy-Formaten kam der ORF in den letzten Jahren doch eher knieweich daher.

Dorfer: Für mich war das nicht einmal ein Nachteil. Die Kritik daran, dass im ORF nichts Neues produziert wird, das Erfolg hat - sie war bereits derart massiv, dass meine Vorschläge ungehindert umgesetzt werden konnten. Es hat noch nie jemand interveniert. Aber vielleicht ist der Donnerstalk auch nur ein Feigenblatt, dafür, dass rundum weiterhin mit ziemlichem Unverständnis und kruden Vorstellungen von Zielgruppen produziert wird. Siehe Dancing Stars.

Hader: Na ja, Unterhaltung darf schon sein. Die Frage ist nur: Was passiert alles nicht? Und es ist ganz klar, was nicht passiert. Da werden also Journalisten, die durchaus öfter interessante Beiträge liefern könnten, nicht in Gesprächsrunden eingeladen. Dasselbe gilt für unbequemere Leute aus dem Unterhaltungsbereich. Auf ihre Konzepte und Potenziale verzichtet man. Lieber verlässt man sich im ORF auf "Hausgemachtes" von Leuten, die fest in der hierarchischen Struktur des Hauses verankert sind - oder von jungen Leuten, bei denen man darauf setzt, dass man sie an diese Struktur binden kann.

STANDARD: Wenn Sie sich heute zusammensetzen würden, um wieder ein Stück wie "Indien" zu schreiben - wie könnte das ausschauen?

Hader: Der größte Unterschied läge wohl darin, dass die Welt damals noch eher "in Ordnung" war als heute. Die Charaktere konnten sich, wie verquer auch immer, noch mit ihren Befindlichkeiten auseinander setzen. Heute wären sie viel mehr mit Problemen von außen konfrontiert.

Dorfer: Und sie hätten vermutlich weniger Text. Weniger Zeit. Mehr Unsicherheit. Und weniger Raum.

Hader: Ein Roadmovie wäre heutzutage wahrscheinlich schon, vom Computer aufzustehen, in die Küche zu gehen, den Kühlschrank aufzumachen ...

Dorfer: ... drei Telefonate ...

Hader: (lacht) Das würde natürlich auch einen billigeren Film ermöglichen. Das gefiele mir schon wieder ganz gut. (DER STANDARD; Printausgabe, 6.10.2005)

Zur Person

Alfred Dorfer und Josef Hader - Hunderttausende Kabarett- und Kinobesucher verbinden dieses Paar mit dem 1994 verfilmten Stück Indien, das seither auch die deutschsprachigen Stadttheaterbühnen (gegenwärtig etwa das Wiener Volkstheater) eroberte. Dorfer, 1961 geboren, erschloss sich seither neben Kabarettprogrammen und Kinohits (Muttertag, Freispiel) auch das Fernsehen (MA 2412, Dorfers Donnerstalk). Er plant gegenwärtig ein Liveprogramm "über die Macht der Bilder". Hader, Jahrgang 1962, begeisterte zuletzt in den Wolf-Haas-Verfilmungen Komm, süßer Tod und Silentium. Sein jüngstes Programm - nach vielen Jahren Privat - heißt höchst lakonisch "Hader muss weg".

Hintergrund

"Donnerstalk" neu - Dorfer setzt nun mehr auf Gaststars mit höherem gesellschafts- und medienkritischem Potenzial

  •    "Unsere Sitzhaltung - absurd!" Alfred Dorfer und Josef Hader begutachten am Schneidetisch ihre TV-Performance.
    foto: standard/urban

    "Unsere Sitzhaltung - absurd!" Alfred Dorfer und Josef Hader begutachten am Schneidetisch ihre TV-Performance.

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