Kommentar: Tödliche Prophezeiungen

3. November 2005, 14:48
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Tatsache ist, dass zum dritten Mal seit 1999 ein Mensch aus einem afrikanischen Staat sein Leben verloren hat

Gute Cops versus Prügelbullen, armer Flüchtling versus skrupelloser schwarzer Drogendealer. Zwischen diesen Extrempositionen spielen sich die Diskussionen der Leserinnen und Leser auf derStandard.at ab, wenn es um den Tod des Schubhäftlings in Linz geht. Ob dieser Tod wirklich unvorhersehbar war, wie die Exekutive und die Ärzte behaupten, oder ob dem jungen Mann Fehler im System zum Verhängnis wurden, steht derzeit noch nicht endgültig fest. Allerdings: Einige Fakten stimmen nachdenklich.

Denn Tatsache ist, dass zum dritten Mal seit 1999 ein Mensch aus einem afrikanischen Staat sein Leben verloren hat, als er mit der österreichischen Polizei zu tun hatte. Marcus Omofuma, Cheibani Wague und jetzt der - offiziell noch namenlose - Tote in Linz. Faktum ist auch, dass die Exekutive mit ihrem Gewaltmonopol eine besondere Verantwortung trägt, Leben zu schützen, egal was dem betroffenen Menschen vorgeworfen wird.

Anti-Folter-Komitee

Und schließlich ist es ein Faktum, dass das Anti-Folter-Komitee des Europarats in seinem 1996 erschienen Report über den Einsatz von Klebebändern bei Abschiebungen berichtet hat - drei Jahre später erstickte Marcus Omofuma. Im heuer veröffentlichten Bericht wird die Linzer Polizei kritisiert - ein halbes Jahr vor dem aktuellen Todesfall. Das kann bloßer Zufall sein oder prophetische Weitsicht.

Gleichzeitig muss aber klargestellt werden, dass der größte Teil der heimischen Exekutive weit davon entfernt ist, xenophobe Afrikanerhasser zu sein. Vielmehr scheint es, als ob sich manche Beamte nicht recht viele Gedanken über die "Beamtshandelten" machen. Ob das auch in Linz der Fall war, wird noch zu klären sein - genauso wie die Frage, wie man verhindern will, dass noch eine Prophezeiung des Europarates eintrifft. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 6.10.2005)

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