Das rote Milliardendorf

20. Oktober 2005, 12:16
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In Nanjiecun ist die Rückkehr zum Kollektivismus äußerst lukrativ

Die Einzigen, die zuschauen, sind alte Bauern. Auf dem Dorfplatz von Nanjiecun, wo eine über zehn Meter hohe Marmorbüste des Vorsitzenden Mao Tse-tung steht, sorgt ein farbfrisches Porträt von Stalin für kein Aufsehen. Sein Anblick ist dem Dorf längst vertraut. "Als Nächster kommt Lie-Ning", sagt ein Bauer und deutet auf Lenins Bild auf dem Boden. Auf der benachbarten Seite warten auch Marx und Engels auf neue Gesichter. "Wir glauben noch an sie", sagt Wang Hongbin, der Parteisekretär im Dorf.

Tief in der Inlandsprovinz Henan, tausend Kilometer von Peking entfernt, pflegt eine kleine Gemeinde einen in China längst überwunden geglaubten Personenkult. Ihre Bauern sind zur Kollektivwirtschaft zurückgekehrt. Während vor knapp 20 Jahren überall sonst in China die Bauern jubelten, dass die verhassten Landkollektive aufgelöst wurden und sie eigenes Pachtland bearbeiten durften, versprach Parteichef Wang: Wer sein Feld aus freien Stücken dem Kollektiv zurückgibt, erhält auf Lebenszeit 20 Kilo Mehl pro Monat.

"Es dauerte zehn Jahre. Dann gehörten alle Mais- und Bohnenfelder dem Kollektiv", erinnert sich heute der 53-jährige Funktionär. "Sie müssen das verstehen." Nanjiecun sei immer arm und abgelegen gewesen. Seine Bauern schlugen sich als Händler durch, statt ihre unrentablen Kleinstfelder zu beackern. "Deswegen gaben sie ihren Boden wieder her."

Wang brauchte Platz. Er siedelte Fabriken für Instantnudeln und für Bier bis zur Herstellung von Elektrofahrzeugen an. Zwei Kollektivbetriebe gingen Jointventures mit Japan ein. Die 26 Fabriken werden rein marktwirtschaftlich geführt. Sie setzten im Vorjahr 130 Millionen Euro um. Unter den 1300 Angestellten sind 1100 Bauern von außerhalb, die als Lohnarbeiter eingestellt wurden.

Außen rund, innen eckig

"Rund nach außen - eckig nach innen" heißt das Geschäftsprinzip des Dorfes, nach dem es auch sein Firmenlogo prägte. Damit bringt es kapitalistisches Marktverhalten und Ausbeutung mit seiner kollektiven Lebensweise und kommunistischen Ideologie unter einen Hut.

Der charismatische Dorfchef Wang ist in einer Person Parteisekretär, Leiter des Dorfrates und Vorsitzender der Industriegruppe. Er dirigiert eine der heute reichsten Landkommunen Chinas, die ihren Mehrwert egalitär an ihr Kollektiv verteilt. Chinas Linke sehen das "rote Milliardendorf" und die "Enklave des Kommunismus" als Mekka für ihre Ideologie an.

Wang hat viele sozialistische Parolen selbst ausgewählt. Sein Lieblingsmotto steht überall angeschrieben: "Diese Welt wird von Narren vorangetrieben. Am Ende wird sie den Narren gehören." Die 5000 Dorfbewohner sind solche Narren. Sie erhalten nur umgerechnet 18 bis 25 Euro Gehalt pro Monat und ein paar Wertcoupons. Für alle, die dem Dorf angehören, sind Wohnung, Licht, Wasser oder Telefon bis zum Kabelfernsehen umsonst, werden Plätze vom Kindergarten, Schule bis zum Altersheim und medizinische Versorgung garantiert.

Der Preis ist der Verlust an Freiheit. Gegenseitige Kontrollen sorgen dafür, dass keiner die Regeln bricht. Jede Familie wird mit zehn Sternen beurteilt. Alle zwei Monate werden nach einer 23-Punkte-Liste moralisches Fehlverhalten, mangelndes Arbeitsethos oder unsaubere Wohnungen überprüft und mit einem Entzug von Sternen bestraft. Jeder fehlende Stern bedeutet weniger verteilte Güter. (DER STANDARD, Print, 6.10.2005)

Johnny Erling aus Nanjiecun
  • "Wir glauben noch an sie": In dem chinesischen Dorf Nanjiecun wird ein frisches Porträt von Stalin aufgestellt.
    foto: standard

    "Wir glauben noch an sie": In dem chinesischen Dorf Nanjiecun wird ein frisches Porträt von Stalin aufgestellt.

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