Zustellerblues

6. Oktober 2005, 19:06
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Es begann damit, dass unsere Hausbesorgerin spätabends Sturm läutete ...

Es war vorgestern. Da hat M. gemeint, wir sollten uns ein bisserl weniger aufpudeln. Weil die Stadt ja immer noch besser sei. Und zwar deutlich.

Wir hatten gematschkert. Und waren uns nicht ganz einig darüber gewesen, wo genau wir das Problem eigentlich sähen. Denn schließlich hatte alles ganz hervorragend funktioniert. Und zwar genau deshalb, weil ein paar Regeln verletzt worden waren. Aber weil es ums Prinzip ging, begannen wir, dort, wo die Improvisation angesetzt hatte, Missständer zu sehen.

Es begann damit, dass unsere Hausbesorgerin – die Wert darauf legt, Hausbetreuerin genannt zu werden – spätabends Sturm läutete. Weil sie nämlich vor einer Woche einen Zettel von einem Paketzusteller in die Hand gedrückt bekommen hatte. Auf dem Zettel stand, dass der Zusteller irgendein Trum für uns nicht zustellen konnte – und stattdessen ... und so weiter.

Wisch an der Tür

Eigentlich hätte der Zettel an unsere Tür geklebt werden sollen. Aber, sagte die Hausbetreuerin, der Bote habe gemeint, dass diese Wische immer weg kämen – und deswegen habe er ihn ihr in die Hand gedrückt. Allerdings, sagte die Concierge, habe der Lieferant auch das Packerl abgeliefert. Nicht bei ihr, sondern im Gasthaus im Erdgeschoss. Und in seiner Eile habe er glatt übersehen, dass das Gasthaus frühestens in drei Wochen ein ebensolches sein würde: Derzeit würde auf der Baustelle doch höchstens Beton oder Gips angerührt.

Weil aber nur irgendein Hackler da war – der noch dazu tatsächlich kein einziges Wort deutsch spricht-, landete das Packerl beim Baumaterial. Und erst als die Hausbesorgerin den Wirten zwei Tage später traf, habe sie ihn gefragt, wo jenes Packerl sei, dessen Bezugsschein bei ihr läge. Gemeinsam hätten sie dann das Versandstück irgendwo auf der Baustelle wieder gefunden. Der Wirt brachte das Ding in Sicherheit – und beide vergaßen die Angelegenheit.

Unangenehmes erinnern

Bis ihr, sagte die Nachbarin, die Sache jetzt gerade wieder eingefallen sei. darum – auch um zu zeigen, wie unangenehm ihr die Sache sei, habe sie jetzt eben Sturm geläutet. Sprach´s, gab und den Zettel und ging. Der Wirt händigte uns unser Paket umgehend aus – und auch er entschuldigte sich, die Sache vergessen zu haben. Und aus.

Unser Matschkern bezog sich dann darauf, was alles hätte passieren können, wenn. Etwa wenn der Arbeiter unehrlich gewesen wäre. Oder wenn das Paket zerbrechlich gewesen wäre. Oder wenn die Hausbesorgerin das Paket für sich reklamiert hätte. Aber eben auch, wie mühsam es gewesen wäre, bei ordnungemäßer (Nicht)Hinterlegung, einen zweiten oder dritten Zustellversuch zu koordinieren. Kurz: Wir labten uns am Unzufriedensein.

Briefträger in Pension

M. hatte uns lange still zugehört. Und dann erzählte sie uns, was echte Zustellprobleme seien: Ihr Vater war – bis zu seiner Pensionierung genannten Wegrationalisierung ­ Landbriefträger gewesen. Und war täglich bis zum letzten Kuhstall hinter dem siebenten Berg geklettert. Leute wie er, seufzte M., wären natürlich in jeder Kalkulation nur als Minus aufgefallen – aber jetzt sei im kleinen Kaff, wo ihre Eltern leben, endlich alles gut.

Man hatte nämlich nicht nur ihren Vater entsorgt, sondern auch Teile der Postzustellung privatisiert. Weil dann ja alles besser und effizienter läuft. Und so würden etwa die Telefonbücher nun von einem privaten Unternehmen ausgeliefert. Theoretisch. Denn tatsächlich sei kein einziges Telefonbuch in der Streusiedlung wirklich zugestellt worden.

Verteilungsmuster

Eines Tages, erzählte M., sei vor einem Gasthaus im Tal ein Lieferwagen gestanden – und habe ausgeladen: Die Telefonbücher für dieses und zwei andere kleine Dörfer. Die Höfe, hatte der Bote der staunenden Wirtin gesagt, lägen einfach zu weit auseinander – und weil man einander am Land ja ohnehin kenne, lasse er die Ware jetzt hier. Weil bei der Kirche niemand aufgemacht habe. Und die Wirtin möge och bitte für die Verteilung der Bücher sorgen. Dann sei der Lieferant weiter gefahren.

Die Wirtin, erzählte M., sei sprachlos gewesen. Sie habe nicht gewusst, was sie tun solle. Zum Glück aber sei da ihr, M.s Vater vorbei gekommen. Und weil er ein netter Mensch sei, habe er dann die Telefonbücher ausgeliefert. Schließlich, habe er gemeint, wisse er ja nur all zu genau, wo sie hingehörten – und er habe ohnehin Zeit.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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