"Aufnahmeregelung für Master vorstellbar"

9. Dezember 2005, 11:14
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Ex-Sektionschef Höllinger, jahrzehntelang Mastermind der Unipolitik, im STANDARD-Interview über Bildungsbürger, die immer nur "möglichst viel" für gut halten

Standard: Sie waren Vorsitzender jener europäischen Arbeitsgruppe, die die Bologna-Erklärung 1999 erarbeitet hat, mit der ein "europäischer Hochschulraum" entstehen soll. Was sind denn die Vorteile des dreistufigen Studiensystems mit Bachelor–Master–PhD?

Sigurd Höllinger: Das Anliegen der Bologna-Erklärung ist eine freiwillige Unterwerfung unter gemeinsame Regeln, die das Ziel haben, dass man überall die akademischen Grade in gleicher Weise bewertet – an den Hochschulen selbst und von den Arbeitgebern.

Standard: Birgt das nicht Nivellierungsgefahr in sich?

Höllinger: Es ist nicht die Absicht, zentral zu normieren, sondern durch Einsicht weiterzukommen und den Wissenschaftsstandort Europa konkurrenzfähiger zu machen, indem man auf die vielen Unterschiede, die nicht notwendig sind, verzichtet. Es muss ja nicht jedes Studium dem unterworfen werden. Österreich hat überhaupt eine sehr zurückhaltende Gesetzgebung, da die ganze Macht bei den Unis liegt. Einige werden halt nicht mitgehen.

Standard: Wie viele Studien sollten oder werden umstellen?

Höllinger: Jetzt sind es etwa ein Viertel. Das Ziel bis 2010 ist, etwa 90 Prozent der Studienrichtungen umgestellt zu haben. Auch weil die Unis neue Richtungen planen, die in der neuen Studienarchitektur organisiert werden müssen. Das Herumdoktern an den alten allein wird mit Sicherheit nicht reichen.

Standard: Wo ist eine Dreierstrukturierung nicht sinnvoll?

Höllinger: Für die Medizin gibt es eine EG-Norm, die die Menge des Studiums in Stunden definiert, die sich in drei Jahren nicht oder nur unter ganz besonderen Bedingungen unterbringen lassen. Da ist an keine Änderung gedacht.

Standard: Die Juristen lehnen den Bachelor auch ab.

Höllinger: Wenn es die Standesvertretungen für ungeeignet halten, wird Jus als Diplomstudium bleiben. Aber es wird natürlich Bewegung hineinkommen, weil man Spezialisierungen des Jusstudiums in der neuen Studienarchitektur schafft. Da ist nichts wirklich heilig gesprochen.

Standard: Eine Sondersituation zeichnet sich auch bei den "Ingenieur"-Fächern ab.

Höllinger: Der Diplomingenieur hat in Deutschland wie bei uns ein hohes Ansehen. Die Leute meinen, der ist viel besser als der im Vereinigten Königreich oder in Schweden Und daher ist es wichtig, wenn man den Master aufsetzt, der mit einem Diplomingenieur abschließt. Aber auch die mit dem Bachelor können allerhand anfangen. Die Nachfrage ist da ja viel vielfältiger und wird noch viel größer.

Standard: Wie wird der neue Dreierschritt Bachelor–Master –PhD die Unis verändern?

Höllinger: Ein Ziel ist natürlich, die Menge der Uni-Absolventen beträchtlich zu erhöhen und die durchschnittlichen Verweilzeiten zu verkürzen. Es heißt nicht, die bestehende Absolventenmenge gleich zu belassen und ein größerer Teil studiert kürzer.

Standard: Dem Bachelor sagen viele das Stigma "Studienabbrecher mit Zertifikat" voraus.

Höllinger: Das höre ich schon lang und halte ich für eine Ausrede, mit der man ganz andere Interessen schützen will. Das sind Bildungsbürgerliche, die glauben, eine kürzere Ausbildung kann nichts wert sein, weil möglichst viel gut sei. Diesem Prinzip kann ich nichts abgewinnen. Die Bakkalaureatsstudien sind ja nicht als Ausstiegsstudien konzipiert – sie entsprechen denselben klassischen akademischen Prinzipien wie die Diplomstudien, nämlich Berufsvorbildung, nicht Berufsausbildung, und Bildung durch Wissenschaft.

Standard: Soll das Masterstudium beschränkt werden? Der Hamburger Wissenschaftssenator meint, nur jeder Dritte soll nach dem Bachelor den Master machen dürfen.

Höllinger: Solche Normierungen halte ich nicht für vertretbar, aber ich kann mir schon – nicht im nächsten oder übernächsten Jahr, aber mit der Perspektive durch dieses Jahrzehnt – vorstellen, dass es Aufnahmeregelungen für das Masterstudium gibt.

Standard: Ist das für ein Land mit einer sowieso schon sehr niedrigen Akademikerquote nicht wieder besonders heikel?

Höllinger: Das ist sicher ein Problem. Aber wenn man mehr Studierende ins Bakkalaureatsstudium hineinlockt und dann anregt, den Master auch noch dazuzulegen, dann wird die durchschnittliche Studiendauer höher sein. Und damit ist den jungen Leuten, aber auch der Volkswirtschaft nicht genützt. Es gibt an einem längeren Studium interessierte junge Leute – das ist etwa die Hälfte –, die andere Hälfte will eine Grundausbildung und auch gebildet sein und dann in den Beruf gehen und dort konkrete Weiterbildung.

Standard: Werden die Geisteswissenschaften die lange Masterversion bevorzugen und die ökonomisch leichter verwertbaren den schnellen Bachelor?

Höllinger: Bei den Ingenieurwissenschaften erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass viele ins Masterstudium gehen, um zum klassischen Diplomingenieur zu kommen. Wie sich das in den anderen Fächern entwickelt, wird sich zeigen. Das soll man staatlich nicht planen. Das ist eine Sache der Entwicklung der Interessenlagen der jungen Leute. Die sollten sich nur bei ihrer Entscheidung zum Studium etwas klarer sein als heute. Das ist lebensentscheidend.

Standard: Wo soll im Bologna- System der Unterschied zwischen Fachhochschulen und Universitäten liegen?

Höllinger: Es gibt es zwei mögliche Fehlentwicklungen, die man nicht zulassen darf. Die eine wäre, dass die Uni- Bachelor-Studien berufsausbildende Studien werden – dafür sind die Fachhochschulen da. Die andere, dass die Fachhochschulen in ganz stark spezialisierte, ausdifferenzierte Studienrichtungen gehen, die nur für ganz enge Berufe qualifizieren. Und man muss das Wechseln erlauben – ohne Hemmnisse, die es bis heute gibt. Das ist die dritte Fehlentwicklung: Die Unis sind nicht offen genug, Studierende aus den Fachhochschulen, sei es nach Bachelor oder Master, zu übernehmen.

Standard: Kritiker sehen im Bologna-System den Todesstoß für die Humboldt’sche Universität, weil sie dem Prozess der Verschulung und Ökonomisierung unterwerfen werde.

Höllinger: Ich bestreite nicht, dass es Fehlentwicklungen geben kann. Zweifellos soll das Bachelor-Studium stärker organisiert sein als das Diplomstudium. Das erfordert mehr Anwesenheit der Studierenden und der Lehrenden an der Uni. Das ist noch nichts Schädliches. Wenn es gelingt, mehr Leute ins Studium zu bringen – mit der Freiheit zum Master –, sehe ich nicht, wo die Ökonomisierung sein soll. (DER STANDARD, Printausgabe)

Das Interview führte Lisa Nimmervoll

Zur Person

Sigurd Höllinger (65), habilitierter Soziologe, startete seine Karriere 1970 unter Hertha Firnberg (SP). Seit 1986 diente der "Rote Sigurd", wie der gebürtige Oberösterreicher wegen seiner SPÖ-Mitgliedschaft genannt wird, roten und schwarzen Ministern (Busek, Scholten, Einem, Gehrer) loyal und unabhängig als Hochschulsektionschef. Seit 1. Oktober ist er im Ruhestand, arbeitet aber als Leiter des Eliteuni-Projekts "Austrian Institute of Advanced Science and Technology" weiter.

  • Sigurd Höllinger hofft, dass in Zukunft die Zahl der Uni-Absolventen erhöht wird.
    foto: standard/heribert corn

    Sigurd Höllinger hofft, dass in Zukunft die Zahl der Uni-Absolventen erhöht wird.

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