Rampensau und Zeitenwanderer

6. Oktober 2005, 18:32
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Der österreichische Bariton Georg Nigl singt am Donnerstag im Wiener Konzerthaus

Wien - Der musikalische Erstkontakt ist der katholischen Kirche zu verdanken: "Kommt, sagt es allen Leuten." Eine Nigl-Schwester sang zu Ehren Gottes, Klein-Georg schlug die Trommel. Als er dann bei den Augartenspaziergängen mit seiner Mutter die Sängerknaben im nahen Palais singen hörte, war klar: Ich will da rein! Der Wunsch des Jüngsten stieß nicht gerade auf offenes Gehör, aber egal: Wer weiß, was er will, weiß auch, dass er sich durchsetzen muss. Und also war Georg Nigl Sängerknabe.

Und dort ein Star. Der blonde Solist bekam körbeweise Fanpost aus aller Welt, die Briefträger ächzten. "Ich wusste, dass das Ganze eine surreale Sache ist. Was ich aber erfahren habe: dass es geil sein kann, auf einer Bühne zu stehen und das Publikum in der Hand zu haben, mit ihm zu spielen. Klar: Ich bin schon eine Rampensau."

Suche nach Impulsgebern

Eine, die ordentlich Auslauf bekommen hat: An die 1500 Auftritte dürfte Nigl im weiß-blauen Matrosendress absolviert haben. Nach der Pensionierung seiner Gesangslehrerin an der Musikuni suchte Nigl, damals Anfang 20, nach neuen Impulsgebern und fand Nikolaus Harnoncourt.

Schnell war klar: "Jetzt musst' wirklich lernen!" Nigl ackerte sich durch die Fachliteratur, vergrub sich in Archiven. Auf der Spurensuche kam dann der Gedanke, den Kontakt mit der Komponistengeneration von heute zu suchen, und so konstituierten sich zwei der drei Säulen von Nigls Wirken: alte und Neue Musik. Als innerer Pfeiler des Nigl'schen Kunstkosmos sollte Mozart geradestehen.

Fachpublikum

In seinem Liederabendzyklus im Konzerthaus, Lied eins bis fünf, schritt der 33-Jährige den Weg vom musikalischen Damals zum Jetzt ab. Von John Dowland und Georg Friedrich Händel ging's zu Bach, zu Schubert und zu Brahms; mit Kodály, Kurtág, Rihm und Olga Neuwirth wird in diesen Tagen geschlossen. Ein couragiertes Konzept, besitzt doch jede musikhistorische Sektion das ihr hörige Fachpublikum: Die Schnittmenge der Liebhaber von Alter und Neuer Musik dürfte wohl ähnlich groß sein wie jene der Anhänger von BZÖ und KPÖ.

Doch die Sache funktionierte: Nigl holte sich erste Kräfte als Partner, und der Neue Saal des Konzerthauses war voll. Von seinen drei musikalischen Fixpunkten der zeitgenössischen Komponistenschaft - Wolfgang Mitterer, Georg Friedrich Haas und Olga Neuwirth - ist jetzt nur Letztere vertreten; mit einem Kompositionsauftrag Nigls. Das Tolle an Neuwirth? "Sie überrascht mich immer. Es ist jedes Mal etwas komplett anderes. Und ihre Partituren sind klarst ziseliert: Genauer kann man es nicht auf den Punkt bringen."

Wahnsinnsoper

In dieser Saison steht Nigl ein karrieretechnischer Gipfelsturm bevor: Im Jänner 2006 wird der Bariton an der Deutschen Staatsoper Berlin in der Uraufführung von Pascal Dusapins Oper Faustus die Titelpartie singen. "Eine Riesensache, eine Wahnsinnsoper. Sicher das Größte, was ich bis jetzt gemacht habe." - "Kommt, sagt es allen Leuten!": Die Trommel zu schlagen, hat Nigl nicht verlernt. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2005)

Von Stefan Ender

Am 6. 10., im Konzerthaus,
Karten: (01) 242 002; 19.30

  • Pendler zwischen alter und neuer Musikwelt - Sänger
Georg Nigl.
    foto: standard/corn

    Pendler zwischen alter und neuer Musikwelt - Sänger Georg Nigl.

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