Kuhfurz und Erlösung

17. Oktober 2005, 15:53
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Christiane von Poelnitz spielt in Franzobels "Messias" die Gemahlin eines Erlösers - ein Porträt

Wien - Burgschauspielerin Christiane von Poelnitz ist eine ideale Franzobel-Schauspielerin: Sie liest sein Auftragsstück "Wir wollen den Messias jetzt Oder die beschleunigte Familie", das am Samstag im Wiener Akademietheater uraufgeführt wird (19.30 Uhr, Regie: Karin Beier), und freut sich. Von Poelnitz spielt nicht irgendeine Rolle: Sie, die geborene Bayerin ("in Oberfranken, wo es gebirgig und kalt ist und sich zur ehemaligen DDR hin neigt", sagt sie) mimt die Ehefrau eines neuen Jesus Christus, mithin eines unerwarteten Erlösers.

Sie lebt (als "Caroline") unbefriedigt an der Seite eines verfetteten Voralpen-Messias, der durch die liebende Zuwendung eines hermaphroditischen "Alten" seine spirituelle Erweckung erfährt.

Von nun an wird in Franzobels wüstem Weltbefreiungstraum ordentlich einer wegerlöst. Jesus verkündet auf Weihnachtsmärkten das Pfingstfest des Antikapitalismus. Die Ozonschicht kapituliert endgültig, weil die Menge der Kuhfürze ("die Methanflatulenz ,Müh'") unsere Atmosphäre absehbar zum Kollabieren bringt. Herr Jesus baut eine Arche. Ein eingebildetes Radikalenmädchen namens "Raja" wünscht sich derweil der Gesellschaft als Selbstmordkommando an den Hals.

"Wir haben den Text gemeinsam laut gelesen", sagt Frau von Poelnitz. Gegenüber einem Franzobel-Text herrscht zunächst die Demut der vorsichtigen Annäherung. "Zugleich lässt der Text viele Flächen offen: Man muss sich sehr genau überlegen, aus welcher konkreten Situation heraus man agiert." Jesu Ehefrau besitzt einen wundersamen Tick: Sie glaubt sich einem Wiener Ballmädchen namens "Traunwieserin" nachgeboren, die sich, wiewohl an TBC erkrankt, anlässlich des Wiener Kongresses von einem Ulanen umschwärmen ließ.

Sex und Butterbrote

Sex regiert die Einbildungswelt. In Franzobels Stück hängt die zirka vorletzte Benzinpreiserhöhung mit der nächsten Wiedertäuferbewegung zusammen. Zugleich spuckt der Text allen spirituellen Gewissheiten ein freches "Ciao" hinterher. Chaos. Oder, wie von Poelnitz sagt: "Ich habe eine kleine Tochter und bin eigentlich froh, dass ich privat darüber nachdenke, wie ich ihr ein Butterbrot streiche." Sonst müsste man über dem Text vermutlich irre werden. Wird sie natürlich nicht. Von Poelnitz ist eine große Erdungskünstlerin: Als hereinschwebende Frau von gestern in Roland Schimmelpfennigs gleichnamigem Stück ist sie eine aus dem köstlichen Racheschlamm der Frustration gebackene Furie: ein Frauenzimmer mit der gleichsam terroristischen Überlebenskraft einer Cottage-Medea.

Als Eboli in Andrea Breths ingeniösem Don Karlos lässt sie sich von unheiligen Granden und Infanten sozusagen auf diejenige Schippe nehmen, die sie, brustentblößend und hasseinflößend, selbst zum Weißglühen bringt. Von Poelnitz hat, nach einigen Kölner Stadttheaterjahren, an Tom Strombergs Hamburger Schauspielhaus ihre radikalen Figurenskizzen beigetragen - in Inszenierungen von Jürgen Gosch oder Jan Bosse.

"Es war der nackte Irrsinn", sagt sie: "Wir spielten uns am Hamburger Hauptbahnhof die Seele aus dem Leib - ich habe etwa Goschs Amphitryon in der seligsten Erinnerung. Nur schlug uns das geballte Misstrauen der viel zu wenigen Zuschauer entgegen. Es war frustrierend, aber auch schön."

Das Wiener Burgtheater ist nun die Stätte des Glücks. Ihr Lebensabschnittspartner Joachim Meyerhoff spielt den Franzobel-Jesus. Auf den Hinweis, dass Rabbiner um das Jahr null herum verheiratet waren, reagiert sie froh. Wir sind wieder bei der Butterstulle: Von Poelnitz liebt Wien, insbesondere seine schimpfenden Pensionisten, und hat doch Angst vor einer Stadt, in der die Bestenlisten von Theater heute so gut wie nichts gelten. Fragt: "Stimmt es eigentlich, dass hierorts die Köpfe von Kindern von Läusen befallen werden?" Ja. Die kommunale Desinfektionsanstalt befindet sich gleich hinter der Probebühne im Arsenal. (DER STANDARD, Printausgabe 05.10.2005)

Von Ronald Pohl
  • Christiane von Poelnitz fühlt sich als Burgtheaterschauspielerin in Wien angekommen: "Hier liebt man die Kultur und pflegt Traditionen! Wie kommt das eigentlich?"
    foto: standard/urban
    Christiane von Poelnitz fühlt sich als Burgtheaterschauspielerin in Wien angekommen: "Hier liebt man die Kultur und pflegt Traditionen! Wie kommt das eigentlich?"
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