Die Kunst der Verweigerung

4. Oktober 2005, 19:36
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Attwenger thematisiert auf seinem neuen Album "Dog" die unvereinbaren Pole politische Kunst und Entertainment sowie Geldzählen versus Selbstzählen. Eine Gratwanderung.

Wien - Obwohl bei Attwenger vom Thema Musik her naturgemäß auch viel gesungen wird: Stimmen tut hier wenig. Widersprüche werden nicht gekittet. Sie werden thematisiert. Das geht bei Fragen um die Bedeutung von deklariert politisch gedeuteter Musik, sprich Protestsong, bis zu offenen Auseinandersetzungen der Künstler untereinander. Schlagzeuger und Hauptsänger Markus Binder: "Heute schweifen wir wieder voll ab, oder?! Das ist doch eh längst ausdiskutiert." Harmonikaspieler Hans-Peter Falkner: "Ausdiskutiert ist nichts. Aber red nur!" Das stimmt. Alle liegen richtig - wenn es eben auch um alles geht. Hm.

Nehmen wir zum Beginn gleich einmal die letzte Nummer des neuen Albums Dog, sprich "Tag", des Linzer Duos, von denen einer seit Jahren in Wien und der andere seit ewig in Enns wohnt. Bei Komm, der die neue CD sozusagen arschlings Kehraus-treibenden Nummer der seit 1990 aktiven Interessengemeinschaft im Zeichen einer als Punkrock gedeuteten heimischen neuen Volksmusik zwischen den Polen Johnny Rotten, HipHop und Techno-Größen wie Trommel und Bass und deren beständiger Verfeinerung und "Soundpolitisierung", handelt es sich nicht nur um eine mit billiger Casio-Orgel gedeutete Frechheit im Sinne von Musikantenstadl.

Für Leser außerhalb geschützter Zonen des urban-kreativen Bobo-Wesens: Das tut man nicht! Siehe auch: Beleidigung der Mutter, den LASK schlecht finden und dafür zur Strafe Scheitl-Knien!

Attwengern

Wenn ein Lied von Attwenger von den ausführenden Künstlern höchstpersönlich Gassi Richtung eines auch im höheren Sinne piefkinesischen Herzschmerzenstums geführt wird ("Komm doch/ schenk mir/ nur ein Lächeln von dir . . ."), haben wir es auch mit einer Grundgegebenheit im Schaffen der Attwenger zu tun. Musik kommt immer nur so weit über ihre Grenzen hinaus, wie es deren Verursacher zulassen wollen.

In diesem Zusammenhang geht es bei Attwenger seit je um die schwierigen Zusammenhänge von Umgangs- und Kunstsprache, Plattitüde und Binsenweisheit, Volkes Mund und dazugehörigen Gemeinplätzen. Mit der Betonung auf gemein. Und es geht um eine untergehende Kunst. Attwenger sein heißt: dagegen sein. Das hat man heute nur mehr selten. Attwengern bedeutet, "Nein" mit drei Rufzeichen zu schreien, aber so, dass es auch Hansi Hinterseer oder eine "Komm, sing mit!"-Ministerin noch verstehen.

Gstanzl-Singen

Das neue Album funktioniert laut Markus Binder, abgesehen von einem repetitiv rollenden Text-Musik-Sound, auch ohne Dialekt- oder Sprachverständnis ganz für sich allein. Immerhin beschäftigt man sich spätestens seit Anfang der 90er-Jahre mit Dancefloor und dem vom oberösterreichischen Gstanzl-Singen gar nicht so weit entfernten Rap. Wie das aktuelle Wien-Konzert von Attwenger am Wochenende im Flex zeigte, geht sich in diesem Kontext auch wunderbar eine Coverversion des Genreklassikers The Message von Grandmaster Flash aus.

Die präzise, lakonische wie deprimierende Sozialstudie aus dem schwarzen New York des Jahres 1982 funktioniert heute im globalen oberösterreichischen Dorf einer Bronx beim Bindermichl mehr denn je. Auf den Punkt gesagt: Im Pop besteht angesichts von Kosten-Nutzen-Rechnungen und der Problematik, dass sich alles hinten und vorne nicht mehr ausgeht, seit Jahren erhöhter Bedarf bezüglich politisch klarer Aussagen.

"Jeda Mensch zöhd sei Göd"

Markus Binder über den zentralen Song der neuen CD, das Stück "Dumm", sprich Dum ("Österreicha san ehrlich/und wauns ehrlich so san/ daun sans owa gfährlich . . ."): "Verknappung im politischen Sinn halte ich für extrem problematisch. Aber wie in diesem Lied halt auch angemerkt wird, sind trotz all unserer offensichtlichen Gemütlichkeit früher einmal 180.000 jüdische Österreicher ,einfach so' verschwunden. Auch wenn es niemand hören mag: Etwas über diese Tatsache zu wissen, macht für jeden Hörer einen gewaltigen Unterschied zum Nichtwissen aus."

Der Rest sind bandinterne und durchaus heftige Diskussionen darüber, was im so genannten Pop-Kontext eben "geht" oder vermeintlich nicht. Zur Ruhe oder zu sich selbst gekommen ist das Duo jedenfalls nicht. Konflikte werden offen ausgetragen. Einmal bedient man sich im Song Sex bei einem mit freundlicher Genehmigung von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek aus deren Bambiland zur Verfügung gestellten Zitat: "Jeda Mensch zöhd. Jeda Mensch zöhd sei Göd." Eine Kurzfassung der westlichen Grundgestimmtheit zwischen "Mir san mir" und "Wir könnten auch anders".

Ziehharmonika und Amokschlagzeug

Das andere Mal wird während stetig sich selbst zerfleischender Umkreisungen von Allgemeinplätzen über das potenziell rechte Suderantentum unserer Heimat die wahre Aussage des "Gedankenjahres" offen gelegt: "De Leid san leida ned gauns dum."

Dazu setzt es dieses Mal nicht nur traditionelle Attwenger-Turbo-Volx-Sounds aus Ziehharmonika und Amokschlagzeug. In diverse neue Stücke schleichen sich auch Deep-Soul-Samples aus dem US-Süden der frühen 70er-Jahre ein: "De an mog i liaba. Und di andern liaba net." (DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2005)

Von Christian Schachinger

Attwenger - Dog (Vertrieb: Hoanzl), ab 14. 10. im Handel.

Link

attwenger.at

  • Hans-Peter Falkner und Markus Binder, das Linzer Volksmusik-Duo Attwenger zwischen Punk und HipHop: "De Leid san leider net ganz dumm."
    foto: standard/fischer

    Hans-Peter Falkner und Markus Binder, das Linzer Volksmusik-Duo Attwenger zwischen Punk und HipHop: "De Leid san leider net ganz dumm."

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