"American Interest": US-Ideen für die Zeit nach Bush

18. Oktober 2005, 21:41
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Weltbekannte Autoren denken in einem neuen US-Magazin über eine realistischere Außenpolitik nach

Weltbekannte Autoren denken in einem neuen US-Magazin über eine realistischere Außenpolitik nach. Auch in den Massenmedien gibt es plötzlich scharfe Kritik an Bush.

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In den USA, wo sich Änderungen in der Weltsicht lang vor der hohen Politik in elitären Zeitschriften anzukündigen pflegen, ist nun ein Blick auf die Zeit nach Bush möglich. Für das soeben gestartete Magazin "American Interest" haben sich prominente Politikwissenschafter und Publizisten zusammengetan, die von der Außenpolitik der Bush-Regierung abgestoßen sind, ohne deshalb rechte Isolationisten oder Linksintellektuelle zu sein.

Clash der Meinungen

Im Interview mit Condoleezza Rice, das die erste Ausgabe schmückt, sagt die US-Außenministerin, dass es noch "für lange Zeit" keine Großmachtkonflikte auf der Welt geben werde. Sie lässt sich die Meinung entlocken, dass man es bei der Verbreitung von Demokratie auch akzeptieren müsse, wenn Wähler Extremisten an die Macht bringen. Ob Bushs Demokratie-Doktrin die nächsten US-Präsidentschaftswahlen 2008 auch überlebt, werde laut American Interest aber vom Ausgang im Irak abhängen.

Im Herausgebergremium sitzt Francis Fukuyama (der einst das "Ende der Geschichte" prophezeite) ebenso wie Samuel Huntington ("Clash of Civilizations"). Neben Jimmy Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski gehört ihm auch Josef Joffe an, Co-Herausgeber der Hamburger "Zeit". Einige der Gründer schrieben früher im Magazin "National Interest", das inzwischen einen eher isolationistischen Kurs eingeschlagen hat. Im vierteljährlich erscheinenden neuen Blatt geht es auch um Klimaschutz, den Aufstieg Chinas und den "Neo-Sozialismus" in Lateinamerika, alles Themen, die Bush vernachlässigt habe.

"Neokonservativen-Bibel"

Dessen Ratgeber lesen lieber den seit zehn Jahren existierenden "Weekly Standard". Vizepräsident Dick Cheney lasse von dieser "Neokonservativen-Bibel" immer ein Vorausexemplar per Fahrradboten kommen, weiß der britische Economist, der auch verrät, dass sie ursprünglich "American Standard" heißen sollte. Man habe aber darauf verzichtet, weil dies der Name einer in den USA weit verbreiteten Marke für Klomuscheln ist.

Der "Weekly Standard", dessen Bedeutung weit über die Auflage von 80.000 Stück hinausgeht, wird von dem aus Australien stammenden, erzkonservativen Medientycoon Rupert Murdoch finanziert, dem es in diesem Fall nichts ausmacht, wenn das von William Kristol geleitete Magazin nie ein Geschäft wird. "American Interest" hat solchen Rückhalt nicht und muss sich zudem mit der Konkurrenz linker Magazine wie "The Nation" herumschlagen, für die auch Realpolitiker wie Fukuyama & Co "Imperialisten" sind.

Zudem hat das Versagen der US-Regierung nach dem Hurrikan "Katrina" auch bei den seit 9/11 auf Patriotismus eingeschworenen Publikumsmedien der USA zu einem Dammbruch geführt. "Time" und "Newsweek" attackieren nun offen Bush; Journalisten der großen TV-Sender liefern freche Kommentare, sogar ein Reporter von Murdochs Fox-News stellte in New Orleans kritische Fragen. Vor "Katrina", so meint der Harvard-Medienexperte Marvin Kalb, hätte es das nie gegeben. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2005)

  • US-Magazin der "Neo-Realisten": Außenministerin Rice sieht eine Zukunft ohne Großmachtkonflikte.
    foto: der standard

    US-Magazin der "Neo-Realisten": Außenministerin Rice sieht eine Zukunft ohne Großmachtkonflikte.

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