Hungerstreikender Häftling starb in der "Sicherungszelle"

3. November 2005, 14:48
134 Postings

Europarat kritisiert Linzer Polizei - eine Nachlese

Linz – "Da gibt es nichts zu verheimlichen, das gehört ordentlich untersucht." Christian Grufeneder von der Linzer Polizei will Dienstagabend jeden Vertuschungsverdacht beseitigen. Denn der entsteht schnell, wenn ein hungerstreikender Schubhäftling in einer Einzelzelle stirbt. Genau das ist Dienstagmittag in Linz mit einem 18-Jährigen passiert.

Sicherungszelle

Seit 12. September war der junge Mann, der nach eigenen Angaben aus Gambia stammte, in Schubhaft. Am 28. September begann er einen Hungerstreik. "Dienstagvormittag wurde er dann zur medizinischen Kontrolle ins AKH gebracht", schildert Grufeneder. Dort soll er, so die Darstellung der Polizei, bei der Blutabnahme zu randalieren begonnen und mit den Füßen gegen eine Krankenschwester getreten haben. Der junge Mann wurde zurück in das Polizeigefängnis gebracht – in eine so genannte Sicherungszelle.

Jede halbe Stunde sei von einem Polizisten kontrolliert worden, wie der Zustand des Häftlings sei, beteuert Grufender. "Um 12.50 Uhr hat ein Beamter dann entdeckt, dass der Betroffene leblos da lag, und hat den Notarzt alarmiert. Wiederbelebungsmaßnahmen blieben aber erfolglos."

Obduktion

Mittwochvormittag soll nun eine gerichtsmedizinische Obduktion durchgeführt werden, um die Todesursache zu klären. Ob der junge Afrikaner vom Hungerstreik so geschwächt gewesen sein könnte, dass er starb, will der Polizeisprecher nicht beurteilen. "Er konnte Dienstagvormittag zumindest noch ohne fremde Hilfe ins Krankenhaus gehen und musste nicht gestützt werden." Auch wenn der Schubhäftling, der zuvor eine sechsmonatige Haftstrafe wegen Drogenhandels abgesessen hatte, vor seinem Tod geschlagen worden wäre, würde das die Obduktion zeigen, ist Grufeneder überzeugt.

Kein Infekt

Das toxikologisches Gutachten soll weitere Aufschlüsse bringen und soll in ein bis eineinhalb Wochen vorliegen. Der Schubhäftling sei täglich von einem Amtsarzt und am Dienstag auch im AKH Linz untersucht worden. Ein möglicher Infekt wurde nicht festgestellt worden, so der Polizeisprecher.

Im Anti-Folter-Bericht

Auszuschließen ist eine Misshandlung aber nicht. Denn im aktuellen Bericht des Anti-Folter-Komitees des Europarates ist explizit die Linzer Polizei im Zusammenhang mit Prügel für Verdächtige aufgeführt. Genauso wie der Bericht eines Schubhäftlings, der angab, wenige Wochen vor Besuch der Kommission an Händen und Füßen gefesselt in eine kleine Einzelzelle gesteckt worden zu sein, weil er eine Batterie verschluckt hatte. Zitat des Komitee-Berichts: "Der Bericht des diensthabenden Beamten zeigte auf, dass, nachdem er ins Spital gebracht worden war, Mann in eine Einzelzelle gebracht wurde, weil er drohte Selbstmord zu verüben und aggressiv war." (APA,Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 05.10.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.