"NVA": Durchtauchen statt stillgestanden!

4. Februar 2007, 20:10
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Die NVA war die Armee der DDR. Leander Haußmann zeigt sie in seiner gleichnamigen Militärfarce als marode Institution. Der Regisseur im Interview

Die NVA war die Armee der DDR. Leander Haußmann, der noch in ihr gedient hat, zeigt sie in seiner gleichnamigen Militärfarce als marode Institution, in der höchstens mit Pointen scharf geschossen wird. Dominik Kamalzadeh traf den Regisseur zum Gespräch.


STANDARD: Herr Haußmann, Sie haben sich vor der Wahl für Angela Merkel und die CDU stark gemacht . . .

Haußmann: Nicht, dass ich wüsste. Ich habe bloß einmal gesagt, dass mir Angela Merkel sympathisch ist. Was mich aber an ihr stört, ist die CDU. Das ist schon alles. Ich habe mich in meinem Leben noch nie zu einer politischen Situation dergestalt geäußert, dass ich mich zu einer Partei bekannte. Es ging eigentlich gegen Schröder, weil er mir auf die Nerven ging.

STANDARD: Sie konnten seine beiden hochgereckten Daumen nicht mehr sehen.

Haußmann: Ja, obwohl ich immer bereit für Abenteuer bin. Das von Schröder war aber nur ein halbes. Es ist, als ob man auf den Berg steigt, und dann ist man nach der Hälfte des Wegs erschöpft und bleibt einfach sitzen. Es ist doch so: Der Kapitalismus hat nur eine Chance, wenn die Wirtschaft stark ist. Dann gibt es Arbeitsplätze, und die Menschen kommen auf keine dummen Ideen.

STANDARD: Der Erfolg der Linkspartei verdankt sich solcher dummen Ideen?

Haußmann: Das ist ein Akt der Hilflosigkeit. Die großen Parteien haben den Ostdeutschen nichts mehr zu bieten. Aber der Erfolg der Linkspartei ist kein linkes Bekenntnis. Im Gegenteil, ich glaube sogar, dass hier links mit rechts verwechselt wird. Es ist allerdings immer falsch, dafür ein Volk anzugreifen. Es wurden fast unprofessionell viele Fehler begangen. Kurzfristige Versprechungen, die nicht gehalten wurden. Da ist es ganz klar, dass Zorn entsteht.

STANDARD: Um zum Film zu kommen: Die NVA hatte kein besonders gutes Image. Aber von Zorn auf vergangene Verhältnisse ist in "NVA" nicht allzu viel zu spüren.

Haußmann: Man muss die Geschichte der DDR differenzierter betrachten. Es gab nicht Schwarz und Weiß, die einen und die anderen. Das ist zu einfach. Und das stört die Leute. Wenn man sagt, die NVA war eine böse Armee, dann muss ich sagen: Ich war die NVA. Viele Leute waren die NVA. Die waren aber nicht böse, die wurden in sie hinein rekrutiert. Warum soll ich über sie etwas Schlechtes erzählen? Da waren 285.000 Männer, davon waren 200.000 nicht gerne dort. Man kann die NVA nicht mit dem Schießbefehl gleich setzen.

STANDARD: Die Armeezeit wird also vor allem zu einer Art kollektiven Gedenkens an die Jugend in der DDR?

Haußmann: Zur NVA hatte jeder Taxifahrer eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichten waren mit Schikanen verbunden, zugleich waren sie aber meistens lustig. Lustig, weil ihr Hintergrund nicht harmlos war. Komödie funktioniert für mich nur auf dem Boden der Tragödie. Der Großteil der Männer bei der NVA wurde ja nicht zerbrochen - sie haben es vielmehr geschafft, heil davon zu kommen. Wir waren ja von Kind an auf die Zeit vorbereitet. Marschieren und Unterordnen war uns nicht fremd. Die Trennung des Geistes vom Körper, der zum Schein mitmacht: Das war die DDR.

STANDARD: Und das hatte keine Spätfolgen?

Haußmann: Ich glaube sogar, dass es ein Volkstrauma gibt. Die Entwürdigung des Menschen, indem man ihn der Freiheit beraubt, selbst Entscheidungen zu treffen. Ihn territorial einschränkt, für Ideen, an die er nicht glaubt; in wirtschaftlich entmündigt; der Opportunismus, das Spitzelwesen . . .

Man hilft aber niemandem, wenn man ein Heldendrama vorspielt. Denn das Drama der DDR ist eines des Aushaltens. Es ist das Drama der nicht definierten Entwürdigung.

STANDARD: Gibt es nicht auch noch die Geschichte jener Generation, die zugrunde ging - wie sie etwa in der Literatur von Thomas Brasch beschrieben wird?

Haußmann: Brasch, mit dem ich befreundet war, hatte seine Kraft zu DDR-Zeiten. Heute müssen wir aber nicht Schlachten gewinnen, die schon geschlagen sind. Wir müssen auch nicht nachtreten. Objektives Recht zu ermitteln, ist Sache der Juristen. Den psychologischen Sachverhalt aufzudecken, ist Sache der Künstler. Das hat man sehr subjektiv zu tun. Ich tue es mit den Mitteln der Komödie.

Man sagt mir, ich zeige bloß Klischees: Damit habe ich kein Problem, ich bin gelernter Drucker. Gibt es denn andere Charaktere als klischeehafte? Wenn man beschreibt, wie gewitzt sich diese durch eine mühselige Situation leben, dann ist das eine Reverenz an jene Leute, die sich nicht verbiegen ließen.

STANDARD: Ist deshalb die problematischere Figur des Films, Krüger, eine Nebenfigur?

Haußmann: Das ist bei mir immer so. Die Hauptfigur ist die reflektierende, die Nebenfigur die leidende - sie lernt nichts, sondern geht kaputt. Krüger will sich nichts verbieten lassen, er will aber auch nichts Besonderes: nur Spaß haben.

STANDARD: Sie bedienen damit aber auch ein DDR-Bild, das momentan bestimmend - und offenbar markttauglich ist.

Haußmann: Es ist richtig, dass man die DDR konsumfähig gemacht hat. Das ist auch ein zweifelhafter Verdienst von mir. Komödie ist aber auch Charaktersache. Ich bin kein Norman Mailer, sondern eher ein W. Somerset Maugham. Die Grundlage für NVA ist für mich ein Märchen, ein wenig so wie Ein Sommernachtstraum. Und was ich bewirken will, ist Gelächter. Das ist mein Beitrag zu dieser Geschichte: Lach diese Typen aus, die sind nämlich doof!
Ab Freitag im Kino


Zur Person

Leander  Haußmann wurde 1959 in Quedlinburg, damals noch DDR, geboren. Er absolvierte eine Druckerlehre, bevor er die Schauspielschule "Ernst Busch" besuchte. Erste Erfolge feierte er als Theaterregisseur, auch in Wien. 1995 bis 2000 war er Intendant des Schauspielhauses Bochum. Sein Filmdebüt, "Sonnenallee", über das Leben von Jugendlichen in Ostberlin, war eine der ersten Post-DDR-Komödien. Danach adaptierte er Sven Regeners "Herr Lehmann" fürs Kino. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.10.2005)

  • Mit dem Körper, aber nicht mit dem Geist dabei: Henrik (Kim Frank, re.) und Krüger (Oliver Bröcker), die beiden Rekruten in Leander Haußmanns Komödie "NVA", trainieren die Habtacht-Stellung.
    foto: filmladen

    Mit dem Körper, aber nicht mit dem Geist dabei: Henrik (Kim Frank, re.) und Krüger (Oliver Bröcker), die beiden Rekruten in Leander Haußmanns Komödie "NVA", trainieren die Habtacht-Stellung.

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