Potenzial ist da, aber Flaute für Österreich befürchtet

20. November 2005, 20:11
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In der Türkei hat Österreich derzeit keine gute Nachrede - Österreichs Wirtschafts­minister glaubt aber an keine negativen Folgen - Unternehmer sind da eher skeptisch

Wien - Wirtschaftsminister Martin Bartenstein hat im Gegensatz zu manchem Unternehmer nie befürchtet, dass die heimische Wirtschaft unter den politischen Unwägbarkeiten verschobener Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gelitten hätte: "Die Marktwirtschaft funktioniert nach anderen Regeln." Denn anders als China sei die Türkei bereits assoziierter Handelspartner der EU. "Unsere Beziehungen mit der Türkei sind solche mit Gegenverkehr."

"Die Wirtschaftskammer Österreich begrüßt Beitrittsgespräche sehr", sagte Franz Rößler, Regionalmanager Südosteuropa in der Kammer. Er ortet ein enormes Potenzial für österreichische Betriebe in der Türkei.

Derzeit summieren sich die jährlichen Exporte in die Türkei auf 790 Millionen Euro, ein Drittel weniger als nach Kroatien. Nur 80 heimische Firmen haben in der Türkei derzeit Niederlassungen, verglichen mit Rumänien, wo es immerhin 3500 sind, eine geringe Zahl.

Energiesektor

Besonders aktiv sind die Österreicher im Energiesektor. Ein Drittel aller in Bau befindlichen Wasserkraftwerke entstehen mit österreichischer Beteiligung. Hauptauftragnehmer ist der mittlerweile an Siemens verkaufte Anlagenbaukonzern VA Tech. Dessen größtes Projekt, das unter Führung von Alstom geplante 600 Mio. Euro schwere Wasserkraftwerk Ermenek in Südostanatolien (samt Mega-Staudamm Ilisu), hängt allerdings seit 1999 in der Luft.

Einerseits, weil Umweltschützer dagegen Sturm laufen, andererseits, weil Konsortialpartner wegen "sozialer, ökologischer und kommerzieller Bedenken" abgesprungen sind.

Da Siemens die VA-Tech-Wasserkraft verkaufen muss, erbt dieses (mit Voith-Siemens, Verbundplan und Alpine-Mayreder geplante) Projekt der Hydro-Käufer. Nicht so viele Schwierigkeiten gibt es hingegen beim 770-Megawatt-Gas-Kombi-Kraftwerk nahe Ankara.

"Enttäuscht" sei Gürel Erel, Chef des auf Türkeireisen spezialisierten Veranstalters Bentour, von der zunächst so rigiden Haltung Österreichs in der Türkei-Frage gewesen, sagte er dem STANDARD. Die Stimmung in türkischen Businesskreisen sei, Österreich betreffend, trotz des Kompromisses, "nicht gerade liebevoll", sagt auch der austrotürkische Kaufmann Atilla Teker.

Sein Unternehmen importiert Feuerwehrfahrzeuge der österreichischen Marke Rosenbauer in die Türkei. Offiziell sei das alles kein Thema, aber Österreich sei seit längerem kritisch beobachtet worden: "Eine Flaute kann kommen." (cr, ung, stro, szem, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.10.2005)

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