USA: Minderjährige Täter für immer hinter Gittern

7. Oktober 2005, 09:43
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2200 Menschen, die zum Zeit­punkt der Tat minder­jährig waren, sitzen lebens­lang ohne Chance auf Entlassung hinter Gittern

Bis zum Tod im Gefängnis: Rund ein Viertel davon ohne eindeutigen Beweis, dass sie selbst die Täter waren, sagt eine neue Studie.

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Washington - "Lebenslang muss lebenslang bleiben" - diese in Österreich gelegentlich geäußerte Forderung ist in den USA längst Realität. Auch für Jugendliche. Rund 2200 Menschen sitzen dort ohne Chance auf Begnadigung im Gefängnis, bis sie sterben. Menschen, die zum Zeitpunkt der Tat jünger als 18 Jahre waren.

In rund einem Dutzend Ländern der Welt ist diese schwerste Form der lebenslangen Haftstrafe möglich, praktiziert wird sie nur in vier, zeigt ein Report von Human Rights Watch und Amnesty International, der am 12. Oktober veröffentlicht wird. In Israel gibt es sieben Betroffene, in Südafrika vier, in Tansania einen - und 2200 in den USA, berichtet die New York Times. Über 350 der Häftlinge waren sogar jünger als 15, als sie die Delikte begangen haben.

Lebensentscheidung

Wie der damals 14-jährige Timothy Kane, der 1992 in Florida am Rande in einen Doppelmord verwickelt war. Er war bei Freunden Videospielen, als zwei ältere Burschen beschlossen, in einem Nachbarhaus einzubrechen. Aus Angst, für einen Feigling gehalten zu werden, ging der bis dahin unbescholtene Teenager mit den 19 und 17 Jahre alten Bekannten mit. "Das ist die Entscheidung, die mein Leben seither bestimmt", erzählt er der New York Times in einem Interview im Gefängnis.

Denn das Haus, in dem das Trio einbrach, war nicht leer - eine 75-Jährige und ihr 55 Jahre alter Sohn überraschten die Täter. Die Situation eskalierte: Die beiden Älteren erschossen den Mann und erstachen gemeinsam die alte Frau. Timothy Kane hatte sich zuvor hinter einem Tisch versteckt und mit dem Doppelmord an sich nichts zu tun, was auch in der Gerichtsverhandlung bestätigt wurde. Genutzt hat ihm das nichts: Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ohne Nachweis

Kein Einzelfall, wie die Studie der Menschenrechtsorganisationen beweist. Über ein Viertel der jungen Häftlinge sitzt ein, weil sie an einem schweren Verbrechen beteiligt waren, bei dem jemand umkam - ohne Nachweis, dass sie den Mord selbst verübt haben. Dazu gehören auch Fälle, wo sich zwei mögliche Täter gegenseitig belasten und dann beide die Höchststrafe bekommen.

Ob sich an dieser Praxis in absehbarer Zeit etwas ändert, ist fraglich. Der Oberste Gerichtshof hat zwar erst heuer die Todesstrafe für jugendliche Täter abgeschafft. Die Forderung von Anwälten und Menschenrechtlern, auch das Wegsperren bis zum Tod zu verbieten, stößt aber noch auf wenig Widerhall. Staatsanwälte und Opferschutzorganisationen argumentieren, dass manche Menschen zu gefährlich sind, um je wieder auf die Straße zu dürfen.

Bei den Richtern scheint sich dagegen Unbehagen breit zu machen, zeigt eine detaillierte Erhebung der New York Times. Wurden im Jahr 1996 noch 152 Teenager ohne Entlassungschance eingesperrt, waren es im Vorjahr nur mehr 54 Verurteilungen. (DER STANDARD-Printausgabe, 04.10.2005)

Von Michael Möseneder

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