Virtuell shoppen in der dritten Dimension

10. Oktober 2005, 11:34
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Avatare verhandeln in künstlichen Umgebungen, User gehen auf virtuelle Probefahrten mit einem Ferrari, Online-Händler machen Mode zum plastischen 3-D-Spektakel. Christian Prenger sprach mit dem Wissenschafter Simeon J. Simoff über Visionen im Geschäftsleben

Standard: Der Modeshop boo.com, ein Symbol für den Absturz der New Economy, "beschäftigte" mit Miss Boo eine dreidimensionale Verkäuferin. Geholfen hat das nichts.

Simoff: Im Jahr 2000 war es eine schicke Image-Sache, um Aufsehen bei den Surfern zu erregen. Aber alles passierte ohne gezielte Einbindung in eine Geschäftsstrategie. Das war kaum etwas anderes als ein Zusatz für mehr Spaß beim Shoppen. Manche Anbieter wollten damit gleichzeitig jenes etwas sterile Gefühl des traditionellen Versandhandels reduzieren.

STANDARD: Mit welchen 3-D-Anwendungen kann ein Online-Händler Einnahmen steigern?

Simoff: Unsere Forschungen beziehen sich auf virtuelle Umgebungen als eine Erweiterung der Realität. Es sind eigene Räume, die es Menschen ermöglichen, nicht nur wie im Internet zu kommunizieren, sondern online Erfahrungen zu teilen. Ich kann etwa mit dem Händler gemeinsam eine virtuelle Probefahrt im Ferrari machen. Fashion lässt sich besser zeigen.

STANDARD: Dazu kann ich auch in ein Autohaus gehen.

Simoff: Es geht nicht darum, die reale Welt zu ersetzen. Unsere 3-D-Vision geht in eine andere Richtung: Bei der Probefahrt erlebe ich dieses Fahrzeug mit allen wichtigen technischen Details und in verschiedenen Situationen. Mode wird plastischer, lässt sich in einen bestimmten Kontext transportieren. Ich sehe, ob das Abendkleid zu dem Event passt, den ich besuchen will.

STANDARD: Experten haben immer reklamiert, dass dem elektronischen Geschäft das Einkaufserlebnis fehlt. Ist 3 D diese lang gesuchte Lösung?

Simoff: Wichtig ist die soziale Komponente. Kunden wollen nicht nur gute Produkte mitnehmen, sondern auch Emotionen. Da genügen ein paar Bilder auf der Website nicht - da muss eine Intensität in der Darstellung vorhanden sein, die auf psychologische Momente Bezug nimmt. Wir wollen eine Mischung von menschlichen und technischen Komponenten.

STANDARD: Welche menschlichen Komponenten bergen virtuelle Räume?

Simoff: Unsere Arbeit zielt auch darauf ab, Unternehmer zu unterstützen. Sie treffen potenzielle Kunden oder einen Berater im Pub und tauschen Informationen aus. Die Kommunikation wollen wir online optimieren. Sie können dort etwa Avatare, also künstliche Wesen, für Verhandlungen mit Businesspartnern einsetzen, während eine Software in Datenbanken gleichzeitig Informationen sucht wie etwa: Gibt es diese Geschäftsidee schon?

STANDARD: Geht es also um den Aufbau von Vertrauen?

Simoff: Anhand des Verhaltens und der Kommunikation mit dem Avatar entsteht schon ein erster Eindruck, mit wem man es zu tun hat. Sicher, reale Treffen sind immer noch der direktere Weg. Aber hier lassen sich erhebliche Kosten und Zeit sparen, wenn die Person weiter entfernt ist. Aufwändige Produkte oder Geschäftsmodelle können ebenso effizient wie umfassend an andere Teilnehmer der Interaktion vermittelt werden.

STANDARD: Es ist schwer vorstellbar, dass dreidimensionale Anwendungen auf einem PC-Bildschirm Wirkung entfalten.

Simoff: Wir dürfen keinesfalls vom gegenwärtigen Stand der Technologie ausgehen.

STANDARD: Welche Branchen werden von 3 D profitieren?

Simoff: Zum Beispiel die Automobilindustrie. Hier lohnt es sich einerseits vom Produkt her, andererseits dominieren im Marketing Emotionen. Bei einer Whiskeyflasche ist das sicher weniger relevant. Die Immobilienbranche ist gleichfalls sehr geeignet: Du gehst im Ferienhaus am Land spazieren und bekommst einen ersten Eindruck, ob sich eine weitere Besichtigung lohnt. Klar ist aber auch eines: Solche Projekte sind nicht gerade billig.

STANDARD: Das klingt ja alles nach einem neuen virtuellen Wundermittel?

Simoff: Das wäre schön - wir werden schon sehen, was es bringt. Das Hauptproblem für die Anwender wird sein, gute Strategien zu finden, um 3 D in das jeweilige Businessmodell zu integrieren. Es muss den Firmen klar sein, was sie mit dem Medium erreichen möchten. Unsere Forschung geht jedenfalls weiter, Ende kommenden Jahres soll es konkrete Resultate geben. Dann wird es interessant, was die Praxis betrifft. Aber ich muss schon betonen, dass wir Wissenschafter sind. Wir liefern Wissen, jedoch sicher keine Produkte.

  • Der E-Commerce-Forscher Simeon J. Simoff glaubt an die Bedeutung von Emotionen beim E-Shopping.
    foto: standard/hendrich

    Der E-Commerce-Forscher Simeon J. Simoff glaubt an die Bedeutung von Emotionen beim E-Shopping.

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