Etwas notwendig haben

3. Oktober 2005, 21:18
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Allem Anschein nach haben die Verkehrsbetriebe ihre alte Standard- Sitzplatzfreimach- Ansage modifiziert ...

Es war am Freitag. Da hatte P. das Gefühl, seinem Deutschlehrer wieder begegnet zu sein. Aber da der gute Mann heute sicherlich nicht aussieht wie ein Mitvierziger im Jogginganzug – und schon gar nicht in Wien in der Straßenbahn sitzt – hat P. sich eben damit abgefunden, dass, zumindest was Pädagogen angeht, das Highlanderprinzip nicht gilt.

P. war in der Straßenbahn gesessen. Im 33er, um genau zu sein. Und wäre der Mann neben ihm nicht explodiert, wäre ihm der Spruch vermutlich gar nicht aufgefallen. Das Satzerl von der – bitte doch eigentlich selbstverständlichen – Sitzplatzüberlasserei an Alte, Gebrechliche, Schwangere und Behinderte, meint P. plätschere so vorbei, wie die Sicherheitsanweisungen vor dem Start eines Flugzeuges.

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Aber der Mann neben ihm, sagt P., habe ganz offensichtlich zugehört. Und dann ein paar Mal ärgerlich das Wörtchen des Anstoßes vor sich hingemurmelt – bis er aufsprang, zum Fahrer lief und den guten Mann anflegelte. Gerade so, als habe der höchstpersönlich soeben darum gebeten, Sitzplätze doch bitte Personen zu überlassen, die sie – und das, sagt P, sei nun ein Zitat des Bandes der Wiener Linien – „notwendiger“ hätten.

Allem Anschein nach dürften die Verkehrsbetriebe ihre alte Standard-Sitzplatzfreimach-Ansage modifiziert haben – und nach dem, was der Mann neben P. da so eifrig-ärgerlich wiederholte, kommen da keine Behinderten mehr drin vor: Man hat sie durch „Personen, die die Plätze notwendiger“ haben, ersetzt.

Zumutung

Der Mann im Freizeitanzug stieß sich aber nicht am Inhalt, sondern am Deutsch der Ansage: Es sei, brüllte er den armen 33er-Fahrer an, eine Zumutung, wie heute im öffentlichen Bereich mit der deutschen Sprache umgegangen werde. "Weil man – und da sowohl P. als auch ich geneigt sind, jedem, der sich als Deutschlehrer ausgibt, zu glauben, glauben wir, dass der Wüter wohl Recht hat – notwendigerweise darauf hinweisen müsse, dass Personen etwas benötigen, also nötig haben können. Aber das sei keinesfalls ein Freibrief dafür, den Begriff „notwendig“ an individuellen und persönlichen Bedarf zu knüpfen." Auch wenn die Not noch so groß sei, dürfe sie nicht so erfinderisch ... Und so weiter.

Und dann sagte der Freizeitanzugsgermanist etwas wirklich Schönes. Er verglich, erzählte P., den Notwendig-Fehler mit einem anderen, üblichen Danebenhauer: dem Rückwärts-Wort. Wenn ihn jemand auffordere, rückwärts einzusteigen, nach rückwärts zu gehen oder sich rückwärts anzustellen, schnaubte der Sprachschützer, bekäme er Angst. Er sei doch kein Artist. Weil, soll er den Bimfahrer angeschnaut haben - „Rückwärts ist eine Bewegung – und hinten ist ein Ort. Auch wenn Sie mir das sicher nicht glauben werden.“

Kleinlaut

Der Straßenbahner, erzählt P., habe nicht so recht gewusst, wie ihm da gerade geschah. Und habe kleinlaut geantwortet, dass die Wiener Linien den Text wegen einer anderen Beschwerde geändert hätten: Behindertenlobbyisten hätten sich beschwert, dass die explizite Betonung der Bedürftigkeit aller Menschen mit einem Handicap von jenen, die durchaus in der Lage wären zu stehen, als stigmatisierend empfunden werde. Das sei doch nachvollziehbar. Und darum habe man den Text nun geändert.

Dem Deutschpuristen war die Erklärungdas egal. Er werde einen Brief an die Wiener Linien schreiben, schimpfte er. Und sich fürchterlich und furchtbar beschweren. Der Mann, erzählte P., sei gerade richtig in Fahrt gekommen – als ihn eine junge Frau unterbrochen habe: Sie applaudierte. Sie freue sich auf den Brief, habe sie gerufen. Wegen der Bloßstellung der Wiener Linien. Weil die – dann, sagt P., sei eine dramatische Pause gekommen - ja wirklich einen Dämpfer – noch eine Pause - notwendig hätten. Dann, erzählte P., habe die Frau sich grinsend zurückgelehnt.

Tiefrottöne

Das Gesicht des Deutschretters sei daraufhin zu einem Kaleidoskop aller nur denkbaren Tiefrottöne geworden. Aber er habe den Mund gehalten. An der nächsten Station sei er ausgestiegen, habe mit dem Finger auf die Frau gezeigt und gerufen, dass das also wohl der Dank für seine Mühe sei. Die junge Frau, sagt P., sei sichtlich glücklich gewesen. Und habe an niemanden im Speziellen aber laut hörbar in den Waggon triumphiert, dass damit ihr Tag gerettet und ihre Qual gesühnt sei: Als Schülerin des Wüterichs habe sie acht Jahre lang davon geträumt, ihren Lehrer ungestraft mit falschem Deutsch behelligen zu dürfen.

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