Schlechte Bezahlung, geringe Aufstiegschancen, wenig Lehrstellen

2. Oktober 2005, 17:00
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Eltern raten ihren Töchtern zumeist zu traditionellen Berufen - und führen sie damit in eine Sackgasse. Ein Leitfaden zur Berufsorientierung will (Ab)Hilfe bieten

Mag.a Sandra Sternberg und Mag.a Daniela Winkler vom steirischen Verein Mafalda haben soeben eine neue Berufsorientierungsbroschüre im Rahmen des österreichweiten Projektes "mut! – Mädchen und Technik" heraus gebracht, die sich sowohl an Mädchen, als auch Eltern richtet. Warum so ein Leitfaden notwendig ist, welchen Zweck sie mit ihrem Projekt verfolgen und wie er funktionieren soll, das erzählten uns die beiden Trainerinnen in einem Email-Interview mit dieStandard.at.

dieStandard.at: Trotz scheinbar etlicher Projekte und Kampagnen zur Gleichstellung von Mädchen am Arbeitsmarkt, sieht die Situation seit Jahren noch immer unverändert aus. Mädchen suchen sich typische "Frauenjobs", Burschen wählen aus einer Vielzahl aus Berufen. Woran liegt das?

Daniela Winkler: Etliche Projekte und Kampagnen stimmt nicht. Es werden nur wenige Initiativen überhaupt finanziert, der Verein MAFALDA ist nach wie vor die einzige Mädcheneinrichtung in der Steiermark und in den anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus. Außerdem ist es leider auch so, dass die Projekte, die zustande kommen, mit sehr geringen Mitteln und Ressourcen ausgestattet sind.

Aber ja, nach wie vor entscheiden sich in der Steiermark 69% aller weiblichen Lehrlinge für eine Ausbildung in nur 4 Lehrberufen (Einzelhandeslkauffrau, Köchin und/ oder Restaurantkauffrau, Friseurin, Bürokauffrau). Und auch Mädchen, die in der MAFALDA einen Berufsorientierungskurs durchlaufen haben, entscheiden sich nicht zu 100% für eine handwerklich-technische Ausbildung.

Die Entscheidung für eine handwerklich-technische Ausbildung bedeutet ein Durchbrechen des Rollenbildes. Ein kurzes Beispiel aus meiner Sozialisation: Ich bin in einer "Eisenbahnersiedlung" aufgewachsen. Alle Bewohner waren bei der Eisenbahn und für alle Jungen war klar, dass sie zur Bahn gehen werden. Sie wurden auch ständig darauf angesprochen, so nach dem Motto: "Der ist so gut in der Schule, der wird sicher einmal Lokführer."

Meines Wissens sind die, die es schulisch geschafft haben, auch wirklich alle bei den ÖBB beschäftigt. Bei mir war das ganz anders. Die einzige Bewohnerin, die bei der Eisenbahn gearbeitet hat, war dort Reinigungskraft. Niemand sprach mich darauf an, dass ja auch ich zur Eisenbahn gehen könnte. Und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals auch nur daran gedacht zu haben, dass arbeiten auf der Bahn für ein Mädchen überhaupt möglich ist.

Unser gesamtes Umfeld definiert, was wir als Möglichkeiten wahrnehmen und was nicht. Die Erweiterung der Möglichkeiten um etwas, dass als männlich definiert ist (von der Familie, der Schule, den Medien etc.), bedeutet auch ein Stück weibliche Identifikation aufzugeben. Und dazu bedarf es viel Mut und viel Unterstützung. Daher ist es wichtig, auf allen Ebenen anzusetzen. Das bedeutet viel Bewusstseinsarbeit und viel Zeit. Diese Mühlen mahlen eben langsam.

dieStandard.at: Welche alternativen Chancen sehen Sie für Mädchen in dieser momentan sehr schwierigen Arbeitsmarktsituation? Oder sollten das gar keine "Alternativen" sein?

Daniela Winkler: Ich kann nur schwer Zukunftsprognosen abgeben, und ich bin auch skeptisch gegenüber offiziellen Prognosen. Aber Tatsache ist, dass handwerklich-technische Berufe gegenüber den traditionell weiblichen Vorteile haben. Sie haben ein höheres Lohnniveau, bieten eine größere Arbeitsplatzsicherheit und bessere Karrierechancen.

dieStandard.at: Aber was läasst Technik für Mädchen noch immer so uninteressant und/oder abschreckend erscheinen? Wo es doch mittlerweile schon zum Alltag gehört, von Technik wie zum Beispiel Handy, Dvd-Player, Pc, Mp3-Player etc.) umgeben zu sein?

Daniela Winkler: Ein Grossteil des Umfeldes, und damit auch die Mädchen selber, berücksichtigen nicht-traditionelle Berufe gar nicht in ihren Überlegungen. Ich bin einmal von einer 13jährigen gefragt worden, welche Männerberufe Mädchen erlernen dürfen. Technik ist nicht uninteressant. Technik ist total fremd. Und Handy, Dvd-Player etc. werden nicht als "Technik" wahrgenommen.

dieStandard.at: Sie haben gerade einen neue Berufsorientierungsbroschüre herausgegeben, die sich an Mädchen und Eltern richtet. Warum?

Daniela Winkler: Eltern sind die wichtigsten RatgeberInnen bei der Berufswahl. Und die Personengruppe, die am schwersten zu erreichen sind. Wir haben in der Broschüre "SPURENSUCHE" Berufsorientierungsmethoden zusammengestellt und so entwickelt bzw. adaptiert, dass Eltern mit ihren Töchtern gemeinsam überlegen, rätseln und planen können.

dieStandard.at: Können/wollen Jugendliche überhaupt in dieser Phase mit ihren Eltern "kooperieren"?

Daniela Winkler: Aber natürlich! Eltern sind RatgeberInnen, UnterstützerInnen und natürlich Vorbild.

(e_mu)

  • Mag.a Sandra Sternberg und Mag.a Daniela Winkler haben den neuen Berufsorientierungs-leitfaden für Töchter und Eltern entworfen.
    mafalda
    Mag.a Sandra Sternberg und Mag.a Daniela Winkler haben den neuen Berufsorientierungs-
    leitfaden für Töchter und Eltern entworfen.
  • Die 60 Seiten dicke Broschüre versucht, Mädchen und Eltern in der Berufswahl zu unterstützen und kann beim Verein Mafalda, Glacisstraße 9, 8010 Graz oder via email bestellt werden.
    mafalda
    Die 60 Seiten dicke Broschüre versucht, Mädchen und Eltern in der Berufswahl zu unterstützen und kann beim Verein Mafalda, Glacisstraße 9, 8010 Graz oder via email bestellt werden.
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