Riesling - Noblesse oblige

13. September 2007, 10:40
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2004 wird wohl nicht als optimaler Riesling-Jahrgang in die österreichische Weingeschichte eingehen. Allen Witterungswidrigkeiten zum Trotz - ein Test

2004 wird wohl nicht als optimaler Riesling-Jahrgang in die österreichische Weingeschichte eingehen. Was natürlich nicht heißt, dass nicht einige Winzer - allen Witterungswidrigkeiten zum Trotz - doch sehr gute Rieslinge auf den Markt bringen konnten. Luzia Schrampf mit den Ergebnissen der Standard-Verkostung.

Riesling gilt als King unter den Weißweinrebsorten. Alter Rebsortenadel sozusagen, der in Deutschland und im Elsass Anfang des 15. Jhs. erstmals dokumentiert wurde, sich aber bereits seit dem 11. Jahrhundert in der Region verbreitet haben soll. Und der sich bis heute der Herrschaft des Barriqueausbaus nicht beugt: Kaum eine andere Sorte bringt so Unbrauchbares, wenn man sie ins 225-l-Eichenfass steckt.

Dafür versteht er es wie nur wenige andere, die Charakteristik des Bodens in die Flasche zu transferieren. "Terroir", das Zusammenspiel von Boden und Kleinklima eines Standortes und der Rebsorte, und "Mineralik" sind zwei Zauberworte, die im Zusammenhang mit Riesling immer wieder auftauchen. Mineralische Aromen erinnern an den Geruch von aneinander geschlagenen Feuersteinen und an den Geschmack - oh selige Kindheitsjahre - von Kieselsteinen im Mund. Riesling ist von Natur aus säurereich, was ihm aber zu Frische und u. a. zu einem langen Leben verhilft. Und er zeigt von allen weißen Rebsorten die prächtigsten Fruchtaromen: Vom Steinobst wie Marille oder Pfirsich bis hin zu verschiedensten exotischen Früchten ist vieles möglich, weshalb das beliebte Aromenratespiel - vollreife oder getrocknete Marille, Weingartenpfirsich oder doch Maracuja? - mit einem guten Riesling Stunden in Anspruch nehmen kann.

Die Kriterien

Für den Test wurden zwölf Rieslinge Jahrgang 2004 von Produzenten zusammengetragen, die in letzter Zeit mit dieser Rebsorte aufgefallen sind. Dazu kamen Weine von Winzern, von denen man Riesling nicht unbedingt erwarten würde, oder auch aus Gegenden, wo er nicht erste Wahl ist. Beurteilt wurden die Klarheit der Frucht, Harmonie, Potenzial und Sortentypizität. Ob der Wein zu einer mittleren Alkoholstufe gehört oder den Kraftmeiern, spielte dabei keine Rolle: Harmonie ist Harmonie.

Verkostet wurde verdeckt nach aufsteigender Alkoholgradation, bewertet nach dem STANDARD-10-Punkte-System. Die Bilanz der Verkostungsjury: Alle Weine sind gelungene Beispiele für einen nicht ganz leichten Riesling-Jahrgang, die auch für die diversen Herbstfüllungen, die in nächster Zeit auf den Markt kommen, einige Hoffnung aufkeimen lassen.


Die Ergebnisse

Vorspannhof Mayr, Kremser Marthal 2004,
13 % Alk., 14,70 €, Vinothek Vinoe, Wien

Lobeshymnen in jeder Phase gab es für den Wein von Anton und Tochter Silke Mayr aus Dross, die 2003 den Floh-"Weinoskar" gewann, im Rahmen eines Bewerbs für österreichische Nachwuchswinzer, organisiert vom Gastwirt Josef Floh in Langenlebarn: prototypisch, riecht intensiv nach Weingartenpfirsich & Co; auch geschmacklich alles da: klare Frucht, gute Säure, was ihn sehr frisch macht, mineralisch, stoffig, trotzdem sehr feingliedrig, extrem gut strukturiert, viel Potenzial.
9 Punkte

Tegernseerhof, "Kellerberg Dürnsteiner Riesling" 2004, 13,5 % Alk., 17,60 €, Vinothek St. Stephan, Wien
Kein Mitglied der Vinea Wachau, weil zum Betrieb zu viele Flächen außerhalb der Wachau gehören, aber nicht nur mit Riesling sehr oho. Der getestete Kellerberg wäre von der Gradation der kräftigen Smaragd-Liga zuzuordnen: Steinboden, dezente Frucht, sehr mineralisch mit viel, aber eleganter Frucht - säuerlich-exotisch wie Maracuja, Prachtexemplar mit einigem Potenzial, sehr köstlich.
8,5 Punkte

Kurt Angerer, "Donatus Riesling" 2004,
13,5 % Alk., 12,90 €, Vinoe

Ein Riesling, auf Schotter und Granit gewachsen, vinifiziert von einem Mann, der vor allem mit differenzierten Grünen Veltlinern Aufmerksamkeit erregt hat: hält sich zuerst vornehm zurück im Geruch, ein bissl Mineralik mit einiger Frucht, die immer schöner wird, saftig, klar und verspielt; gute Sortentypizität; Marille mit Minze, außerdem zitronenartig pikant, sehr verlockend.
8 Punkte

Manfred Jäger, "Federspiel Ried Steinriegl" 2004, 12 % Alk., 10,90 €,Wr. Weinkontor
Sohn Roman Jäger ist für den Keller des Weinguts verantwortlich. Dieser Wein gehört zur Wachauer Klasse der Federspiele (mittelkräftiger Alkohol) und riecht zu Beginn eher wie Grüner Veltliner, wird dann aber später zum schönen, süffigenn Riesling mit typischer Frucht und angenehmer Säure: Pfirsich-Zitrus-Aromen, vielschichtig, mit mineralischen Noten, ein Muster an Ausgewogenheit.
7,5 Punkte

Summerer, "Riesling Urgestein" 2004,
12,5 % Alk., 7,20 €, Vinoe

Der Wein des Langenloiser Betriebes, der ab 2005 alle Weine ausnahmslos mit Glasverschluss abfüllt, "haut einem keine auf die Nase, aber gibt Vollgas im Geschmack": macht langsam auf, aber wirkt nicht ganz so jugendlich wie andere 2004er. Im Geschmack sehr typisch für die Sorte, sehr stoffige schöne Frucht, dennoch elegant, ein Hauch Mineralik, Potenzial.
6,5 Punkte

PADO Peter Dolle Gaisberg "Strong",
12,5 % Alk., 10,50 €, ab Hof

Peter Andreas Dolles erster Jahrgang seit der "Verselbstständigung", der Abspaltung vom väterlichen Weingut. Der "Gaisberg" ist ein Ausläufer der Kamptaler Edelrieslinglage Heiligenstein mit zumindest in manchen Teilen vergleichbaren Bodenverhältnissen. "Strong" fand geteilte Aufnahme. Sehr eigenwilliger Geruch: erinnert an Schwarzbrot(rinde), mit Fruchtauflage dazu; schmeckt schön nach Weingartenpfirsich, aber auch ganz leicht herb, kernig; kräftige Säure.
5 Punkte

Steurer "Riesling 2004",
12 % Alk., 4 €, ab Hof

Kommt aus Carnuntum, einer Gegend, in der Riesling ein ziemliches "Nischenprogramm" ist. Auch hier war die Jury geteilter Meinung: Die Rebsorte ist im Geruch nur schwer auszumachen; schmeckt sehr nach Zitronen, rassige Säure, die aber stimmig zum zitrusdominierten Fruchtbild passt, einigermaßen harmonisch, spritzig, mit viel Biss, aber könnte etwas "rieslinghafter" sein. Beachtlicher Preis!
5 Punkte

Familie Öhlzelt, Heiligenstein 2004,
12,4 % Alk., 5,50 €, ab Hof

Barbara Öhlzelt, eigentlich gelernte Marketingfachfrau, die an der Boku Wien Weinbau studierte, hat 2004 ihren ersten Jahrgang vinifiziert und betreibt gemeinsam mit ihrer Familie ein Drei-Hektar-Weingut in Zöbing. Der Riesling Heiligenstein riecht nach viel reifer Frucht, zu Beginn etwas unklar, welche aber mit der Zeit immer präziser wird und von einem Juror als "fast zuckerlhaft" beurteilt wurde. Schmeckt extrafruchtig, rund und voll, angenehme zurückgenommene Säure, schöner Trinkfluss; jedoch einmal als "rustikal" eingestuft. Preis-Leistungs-Wein!
5 Punkte

Josef Ehmoser, Riesling vom Gelben Löss 2004, 12,5 % Alk., 9,20 €, Vinoe
Ein Riedencuvée - auf Löss gewachsen, urzeitlicher Flugsand, der die Landschaft entlang des Wagrams von Krems weg ostwärts prägt - das zuerst in der Nase noble Zurückhaltung übt - "leicht kalkig" -, später an weiße Blüten erinnert und mit der Zeit intensiver rieslingartig, aber etwas unpräzise wird. Säure ist etwas vordergründig und schmeckt spitz, viel Frucht am Gaumen, aber nicht sehr präzise, Geruch ist eindeutiger als der Geschmack; dennoch relativ stoffig.
4 Punkte

Hermann Moser, Kellerterrassen 2004
13,5 % Alk., 12 €, ab Hof

Der am spätesten - Novemberlese - geerntete Riesling dieses Betriebes fand bei dieser Jury weniger Zustimmung. Im Geruch ist der Wein "nur schwer als Riesling erkennbar", im Geschmack klarer, aber die Aromenmischung, fruchtig-herb mit karamelligen Noten, bleibt dennoch sehr eigenwillig.
3 Punkte

Familie Fritz, Lagenreserve Schafberg 2004,
Zaussenberg, 13 % Alk., 7,30 €, Vinoe

Auch hier geteilte Meinungen: Der Wein, der auf Löss wächst, wirkt im Geruch älter als Jahrgang 2004. Die Säure schmeckt sehr deftig, aber die sehr schöne Frucht hält mit einer gewissen Süßlichkeit dagegen. Kritisiert wurde vor allem, dass Geruch und Geschmack sehr weit auseinander liegen.
3 Punkte

Josef Dockner, Riesling exklusiv 2004,
12,5 % Alk., 8,70 €, Vinoe

Keinen Anklang unter den Juroren fand dieser Riesling. Begründung: eine aggressive Säure, die alles überlagert und "hängen" bleibt. Von der Frucht sei kaum etwas zu schmecken.
1,5 Punkte

Standard-Punkte: 0-2 einfaches, sauberes Produkt; 2,1-5 gut gemacht mit einigen interessanten Aspekten; 5,1-8 sehr gut mit vielen Eigenschaften, die es aus der Masse herausheben;
8,1-10 hervorragende Qualität, perfekt.

(Der Standard, Printausgabe 1./2.10.2005)

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