Den Stress an der Wurzel packen

18. Juli 2006, 13:45
posten

Wer den Stress an der Wurzel packen will, kann der unbewusst verlaufenden Situationsbewertung auf den Grund gehen. Stress funktioniert gewissermaßen "mechanisch" - kann an-, aber auch verlernt werden

Stress als Dauerzustand, wie ihn immer mehr Arbeitnehmer beklagen, blockiert sorgfältiges Denken und Handeln und damit den Berufs- und Geschäftserfolg. Und außerdem macht er krank. Doch es gibt ein wirksames Mittel gegen Stress: das auf neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung und Motivationspsychologie basierende Selbstmanagement nach dem "Zürcher Ressourcen Modell" (ZRM ).

Maja Storch, Projektleiterin am Pädagogischen Institut der Universität Zürich und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation, einem Spin-off der Universität Zürich, erläutert:. "Das, was wir als Stress empfinden, ist ein Missverhältnis zwischen den Fähigkeiten und Bedürfnissen einer Person und ihrer Beanspruchung beziehungsweise ihrer Umgebung. Dabei wird das persönliche Stressempfinden von genetischen, psychologischen und auch von Umweltfaktoren bestimmt!"

Nicht nur die Art der "Stressoren" (der Chef, die Kollegen, die gesamthafte Situation in der Arbeitswelt etc.), sondern auch die Art und Weise, wie Anforderungen von einem Menschen empfunden und interpretiert werden (z. B. negative Denkmuster, Ängstlichkeit etc.), lösen das Gefühl von Stress aus, sagt Storch. "Entscheidend für die Reaktion auf den empfundenen Stress ist die subjektive Einschätzung der jeweiligen Belastungssituation."

Wird nun eine Situation als bedrohlich eingeschätzt, so werden im Körper u. a. Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Sie können in einer Stresssituation hilfreich sein, um die Situation zu bewältigen. Storch: "Das war die evolutionär ursprüngliche Bedeutung dessen, was wir heute als Stress empfinden. Kann eine bedrohliche Situation aber nicht bewältigt werden oder dauert die Belastung zeitlich an, werden die Stresshormone weiterhin ausgeschüttet - und das ist von Übel!"

Rolle des Unbewussten

Kürzlich erschien eine so genannte Meta-Analyse, in der 208 Stress-Studien noch einmal ausgewertet worden waren. Alle hatten sie untersucht, welche Umstände da- zu führen können, dass das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird. Ihr Ergebnis ist aufschlussreich. In der heutigen Zeit macht uns eine spezifische Art von Bedrohung besonders schwer zu schaffen: die Bedrohung des "sozialen Selbst" - des Stellenwertes in der Gesellschaft.

"Aus den psychologischen Forschungen zum Thema ,Selbstwert' weiß man", berichtet Storch, "dass es ein zentraler Faktor für die psychische Gesundheit ist, sich selbst als wertvoll und wichtig zu erleben. Hierzu gehört auch, in den Augen von anderen Respekt zu genießen und soziale Anerkennung zu bekommen. Wird das ,soziale Selbst' bedroht, reagiert der Körper genauso mit Stress, wie wenn das physische Selbst bedroht wird. Stress im Lichte dieser Befunde betrachtet, macht deutlich, dass dieses Phänomen im Beruf unzulässig vereinfacht wird, wenn man es alleine unter der Perspektive der Arbeitsbe- und -überlastung betrachtet."

Erfahrungsgedächnis

Wie entscheidet nun das Gehirn, ob eine bestimmte Situation das soziale Selbst bedroht oder nicht? Diese Entscheidung fällt Storch zufolge durch unbewusst verlaufende Vorgänge.

Bereits 1984 beschrieb der amerikanische Hirnforscher Antonio R. Damasio anschaulich, wie im Gehirn schon vor der Geburt ein emotionales Erfahrungsgedächtnis voll einsatzbereit ist, das die Erfahrungen, die der Organismus im Laufe des Heranwachsens macht, speichert und mit einer Bewertung versieht. Die Bewertungsmarkierungen erfolgen nach einem simplen, dualen System: "Gut gewesen - wieder machen!" oder "Schlecht gewesen - bleiben lassen!".

Dieses Bewertungssystem hat sich - genauso wie die Stressreaktion - im Lauf der Evolution im Dienst des Überlebens ausgebildet. Das innere Bewertungssystem entscheidet innerhalb von 200 Millisekunden, ob eine äußere Situation die Aktivierung einer körperlichen Alarmreaktion erfordert oder nicht. Dieser Vorgang verläuft unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

Das Unbewusste übernimmt diese Arbeit. Storch: "Das heißt, zur dauerhaft wirksamen Stressreduzierung benötigen wir Techniken, die es erlauben, bereits die unbewusst verlaufende Situationsbewertung zu beeinflussen. Für dieses herausfordernde Unterfangen haben wir mit dem ,Zürcher Ressourcen Modell' einen Weg herausgefunden, der seine Wirksamkeit wissenschaftlich unter Beweis gestellt hat."

Was ist nun das "Zürcher Ressourcen Modell"? Wissenschaftlich gesehen, sagt Storch, "ein primar-präventives, psychoedukatives Selbstmanagement-Training, das an der Universität Zürich entwickelt wurde und besonders beanspruchten Berufstätigen dabei helfen soll, sich selbst zu helfen. Dies tun sie, indem sie sich einen systematisch aufgebauten individuellen Ressourcen-Pool erarbeiten, den sie dann - situativ passend und ihrer Persönlichkeit entsprechend - gezielt einzusetzen lernen!"

Stress im Vergleich

Eine Wirksamkeitsstudie zum Thema Stressmanagement mit gesunden männlichen Studierenden der ETH Zürich wurde gerade abgeschlossen. Hier konnte gezeigt werden, dass ZRM-Training in der Lage ist, das Stressempfinden der Studienteilnehmer (gemessen an der Höhe des Cortisolspiegels im Blut) im Vergleich zu einer nicht trainierten Kontrollgruppe in einer standardisierten Stresssituation ("Trierer Stress Test") signifikant zu senken.
In der Hirnforschung wird das Gehirn als selbstorganisierender Erfahrungsspeicher betrachtet. Die landläufige Vorstellung von einem obersten Steuerungszentrum im Gehirn hat sich als falsch erwiesen. Das menschliche Gehirn ist ein Überlebensorgan - es ist besonders darauf spezialisiert, flexibel auf Umweltveränderungen zur reagieren. Diese Fähigkeit basiert auf der Tatsache, dass das Gehirn aufgrund der Erfahrungen, die der Organismus im Lauf des Lebens macht, seine Struktur verändern kann. Letztendlich organisiert es sich und sein Verhalten selbst - und zwar auf der Basis der eigenen Biografie.

Unter Neurowissenschaftern kursiert die Auffassung, die Aufgabe des Gehirns sei es, für das psychobiologische Wohlbefinden des Organismus zu sorgen, in dem es seinen Sitz hat. Grundsätzlich könne man sagen, dass das menschliche Gehirn das Potenzial zu psychobiologischer Gesundheit besitzt. "Ressourcenaktivierung", erklärt Storch, "bestünde dann - in der Sprache der Neurowissenschaft - darin, das Gesundheitspotenzial menschlicher Gehirne optimal anzuregen."

Verhält sich ein Mensch auf eine Art und Weise, die seinem psychobiologischen Wohlbefinden abträglich ist (zum Beispiel durch das Empfinden von Dauerstress), dann hat er nach dieser Sicht ein unzureichendes Wissen darüber, wie man diesen erwünschten Zustand herstellen kann.

Die Brauchbarkeit der Erfahrungen, die ein Individuum gesammelt hat, wird im ZRM-Training ausschließlich daran gemessen, ob das vorhandene Wissen in einer aktuellen Situation zum Erhalt des individuellen psychobiologischen Wohlbefindens beitragen kann. Oder nicht. "Optimierter Umgang mit Stress = Gesundheitsförderung" hätte demnach die pädagogische Funktion, den Erwerb von entsprechendem Wissen zu unterstützen.

Auf der Ebene der Nervenzellen, erläutert Storch, "kann man sich das Wissen, das die Gedächtnisinhalte des menschlichen Gehirns ausmacht, als Bereitschaften zur Aktivierung ganz bestimmter neuronaler Erregungsmuster vorstellen". Diese Erregungsmuster sind als so genannte "neuronale Netze" organisiert. Sie sind die Bausteine unseres Gedächtnisvermögens. Ohne neuronale Netze würden wir in einem Meer von Sinnesdaten untergehen; wir wären nicht in der Lage, die ungeheure Menge von Informationen, die jede Sekunde auf uns einströmt, sinnvoll zu ordnen und abzurufen.

Neuronale Netze entstehen dadurch, dass als Reaktion auf einen Reiz bestimmte Nerven-Muster gemeinsam ausgelöst werden. Geschieht dies wiederholt, stärkt sich dieser gesamte Nervenkomplex und wird in Zukunft immer leichter aktivierbar - mit anderen Worten: Das Muster wird "gelernt".

ZRM-Training im Detail

Das ZRM-Training basiert auf einem neurobiologischen Ressourcenbegriff. Als Ressource gilt alles, was gesundheitsfördernde neuronale Netze aktiviert und ihre gesundheitsbezogenen Ziele fördern hilft. Diese Ressourcen werden dann im Gedächtnis möglichst optimal gespeichert, um die gewünschte Handlung zu aktivieren, genau dann, wenn dies vom Individuum beabsichtigt ist beziehungsweise benötigt wird.

Eine wesentliche Aufgabe für das Training besteht nun darin, für jedes Individuum das spezifische Wissen zu identifizieren, das in der Lage ist, das alte, unerwünschte und störende Wissen zu ersetzen. Im ZRM-Training werden hierfür die bereits erwähnten somatischen Marker benutzt. Das sind Signale aus dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis (siehe oben). Die- se somatischen Marker sind wahrnehmbar als Körperempfindungen und/oder Gefühlsreaktionen.

Jeder Mensch hat somatische Marker - aber nicht jeder nimmt sie wahr. Storch: "In dem von uns entwickelten Training, das initial drei Tage dauert, gelingt es der überwiegenden Anzahl der Kursteilnehmer, genügend Eigenwahrnehmung zu entwickeln, um ihre somatischen Markern für das Selbstmanagement und die Identifikation von individuell passenden Ressourcen einsetzen zu können."

Um auch das unbewusste Lernen des neuen neuronalen Netzes sicherzustellen, werden auch Techniken des mentalen Trainings eingesetzt sowie neu entwickelte Methoden des Langzeit-Primings. Priming ist eine Gedächtnisform, bei der sich die Person der Informationsaufnahme nicht bewusst wird. Es handelt sich um unbewusstes Lernen.

Schach dem Stress

Sozialpsychologische Experimente haben gezeigt, dass durch Priming Gefühle und Einstellungen genauso wie Ziele und Handlungsabsichten unbewusst aktiviert werden können und dass diese unbewusste Aktivierung nachweisbare Effekte auf die Art und Weise hat, wie Menschen denken, fühlen und handeln. Storch: "Für Beratung, Coaching und Training wurde dergleichen bisher noch nie nutzbar gemacht, das ZRM-Training nimmt hier eine Vorreiterreiterrolle ein."

Da Priming-Techniken unbewusst verarbeitet werden, können mit dieser Form des Lernens die für Stress so relevanten Faktoren der Bedrohungswahrnehmung und der Situationsbewertung äußerst effektiv, individuell maßgeschneidert und zielgerichtet verändert werden." (Der Standard, Printausgabe 1./2.10.2005)

Wenn Sie weiterlesen möchten:

  •  Maja Storch/Frank Krause:
    "Selbstmanagement ressourcenorientiert - Grundlage und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell",
    Verlag Hans Huber,
    Bern, 3. korrigierte und er-
    gänzte Auflage 2005, 260 Seiten, € 19,95.
  • Maja Storch/Astried Riedener: "Ich packs! Selbstmanagement für Jugendliche - Ein Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell",
    Verlag Hans Huber,
    Bern 2005, 350 Seiten, € 22.95.
    ISMZ
Von Hartmut Volk
Share if you care.