ÖVP oder die rosarote Steiermark

2. Oktober 2005, 16:07
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"Horttante" Klasnic im Finale gegen Eishockeyspieler Voves - "Erster ist Erster"

Wie sie ihn so an der Hand nahm, beim Wahlkampffest am Grazer Karmeliterplatz, und durch die ÖVP-Gemeinde nach vorne lotste – das hatte stille Symbolkraft. Jetzt ist Waltraud Klasnic dort, wo er, Josef Krainer II., 1995 stand. Im harten Abwehrkampf gegen eine drohende rote Machtübernahme.

Damals gewann Krainer, und so wird es auch diesmal sein, versicherte der aus Wien samt ÖVP-Regierungsteam herbeigeeilte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel am Freitag – 48 Stunden bevor das erste steirische Wahllokal in St. Ilgen sperrt – bei einer Pressekonferenz in Graz. Schüssel, Klasnic und Generalsekretär Reinhold Lopatka, der Klasnics Wahltriumph 2000 organisiert hatte, zeigten sich völlig relaxt, ja heiter.

Was sonst?

Was aber auch sollten die Steirerinnen und Steirer auch anderes wählen als die ÖVP? Die Steiermark stünde sensationell da, wirtschaftlich gesehen. Beste Daten, beste Arbeitsmarktzahlen, europareife Forschungsquote. Man brauche die Steiermark gar nicht durch die rosarote Brille betrachten. Schüssel: "Die Steiermark ist rosig." Klasnic goss nach: "Wir sind in Schwung, wir sind die österreichische Lokomotive."

Einige Stunden zuvor in der ORF-Debatte mit SPÖ-Herausforderer Franz Voves sprach sie im steirischen Fernsehen von einem "blühenden Land". Wer also, wenn nicht Klasnic, soll das Land weiterführen?

"Ich"

"Ich", hatte sich SPÖ-Franz Voves bei der TV-Debatte empfohlen. "Ich garantiere die Erneuerung nach 60 Jahren ÖVP." Obwohl ein Roter, sieht er die Steiermark nämlich nicht so rosa wie die Schwarzen. Das Bundesland stehe wirtschaftlich bei Weitem nicht so superb da wie von Klasnic gemalt. Seit dem "Hinauswurf" des ehemaligen Landesrates Herbert Paierl habe die Steiermark an Profil und Wirtschaftskompetenz verloren. Die hohe Beschäftigtenzahl etwa verschleiere die hohe Anzahl an Teilzeitjobs.

Und wo bleiben all die Skandale und Affären? Noch nie zuvor habe die SPÖ in der Steiermark einen derartigen Zulauf erhalten. La Ola, die Fußballwelle, rollt für die SPÖ, kolportieren die Roten. Es geht wieder ein Ruck durchs Land, konterte Klasnic am Freitag. Wie damals.

Die Karriere hatte 2000 himmlisch begonnen. Die SPÖ stand am Straßenrand. Als die Sozialdemokraten alles verspielt hatten, holte der Wahlverlierer Peter Schachner-Blazizek den völlig unbekannten Franz Voves als Nachfolger an die Spitze. Voves, der Versicherungsmanager, wirkte sehr zurückhaltend, ja fast schüchtern. Aber er wurde unterschätzt, wie auch Waltraud Klasnic unterschätzt worden war.

Abwartend

Voves schlich an die Macht heran. Er entwickelte einen vielleicht noch seit seiner Zeit Eishockeyspieler innewohnenden Zug zum Tor. Abwartend, aber stets beobachtend, wann die Deckung offen ist.

Er brauchte gar nicht lange warten. Die ÖVP stolperte bald über sich selbst: Estag-Affäre, Herberstein-Skandal, Red-Bull-Spielberg-Pleite und schließlich der selbstmörderische Familienstreit mit dem unberechenbaren Sohn Gerhard Hirschmann.

Horttante statt Landesmutter

Diese äußeren Umstände, an denen sie nicht unbeteiligt war, zwangen Klasnic zu einer nicht unproblematischen Änderung der Selbstbildes. Die warmherzige Landesmutter, musste – zumal ihre Schutzschilder Paierl und Hirschmann weg waren – durch die strenge Horttante ersetzt werden. Sie musste in den staubigen Politikalltag hinuntersteigen – und genau dort, wo die SPÖ sie immer hin haben wollte: auf Augenhöhe, nicht mehr oben schwebend, unantastbare steirische Übermutter. Auf ebener Erd begann sie Voves nun direkt anzugreifen. Was vorher sankrosant war, war jetzt erlaubt. Dieses Terrain, dieses Direkt-im-politischen-Ring-Stehen, war für Klasnic ungewohnt – Voves holte auf. Der 15-Prozent-Vorsprung auf die SPÖ schrumpfte auf null.

"Erster ist Erster"

Die Ironie der Geschichte: Als Waltraud Klasnic 1995 die ÖVP auf dem absoluten Tiefpunkt übernahm, war die Partei nur 2414 Stimmen vorn. Am Sonntag würde die ÖVP über ein derartiges Ergebnis erleichtert jubeln. "Erster ist Erster", würde Klasnic lächeln. (DER STANDARD, Printausgabe 1./2.10.2005)

  • Voves meint's ernst, da mögen andere lachen.
    foto: standard/philipp

    Voves meint's ernst, da mögen andere lachen.

  • Hirschmann machte Bekanntschaft mit der Rolle des Dulders.
    foto: standard/philipp

    Hirschmann machte Bekanntschaft mit der Rolle des Dulders.

  • Klasnic und die Basis: Handschlag und Habe die Ehre.
    foto: standard/philipp

    Klasnic und die Basis: Handschlag und Habe die Ehre.

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    Schmid zapft an.

  • Gesund in die Zukunft: Lechner-Sonnek.
    foto: standard/philipp

    Gesund in die Zukunft: Lechner-Sonnek.

  • Platz an der Sonne: Schöggl.
    foto: standard/philipp

    Platz an der Sonne: Schöggl.

  • Roter Morgen in der Grünen Mark: Kaltenegger.
    foto: standard/philipp

    Roter Morgen in der Grünen Mark: Kaltenegger.

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