Konflikt zwischen ÖVP und PISA-Chef spitzt sich weiter zu

8. November 2005, 12:59
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Haider nicht zu Pressekonferenz von VP-Bildungssprecher Amon zugelassen - PISA-Chef: Man will mich mundtot machen

Wien - Der Ton zwischen der ÖVP und dem Leiter der Zukunftskommission für Reformen im Schulbereich sowie Österreich-Verantwortlichen für die PISA-Studie, Günter Haider, wird immer schärfer. Am Freitag wurde Haider der Zutritt zu einer von ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon angesetzten Pressekonferenz in der ÖVP-Zentrale verweigert, bei der Amon ihm "schwere statistische Fehler" bei der Studie vorwarf. Haider konterte später vor Journalisten damit, dass man ihn "mundtot" machen wolle. Und: "Das Vorgehen dieses ÖVP-Politikers ist mehr als beschämend und unwürdig."

Bei der Pressekonferenz legte Amon ein persönliches Mail der PISA-Projektmanagerin Claudia Reiter an eine Schweizer Kollegin vor, in dem sie - bereits bekannte und wortgleich im PISA-Bericht zu findende - Erklärungen für den als "Absturz" interpretierten Rückfall Österreichs im PISA-Ranking darlegt. Schlussfolgerung im Mail: Teile der Verschlechterungen seien durch eine andere Gewichtung der Schüler an Berufsschulen zu erklären. Auch ohne diese sei es "eher ein medialer Gag gewesen, indem statt der Mittelwerte die Rangplätze bei der Studie verglichen worden wären". Berücksichtige man die unterschiedlichen mathematischen Subskalen und die statistische Schwankungsbreite, seien die Veränderungen zwischen 2000 und 2003 etwa im Lesen an der Grenze der statistischen Signifikanz.

"Medialer Gag"

Folgerung Amons: Haider habe sich "mehr Zeit genommen, um einen medialen Gag zu landen als einen wissenschaftlichen wasserdichten Bericht vorzulegen". Der PISA-Chef habe die Darstellung der Studienergebnisse so gewählt, um eine ideologische bildungspolitische Debatte zu forcieren. Daher habe er das Vertrauen von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) "schwer missbraucht".

Reiter selbst wies die Darstellung Amons gegenüber der APA zurück. Das Mail sei Teil einer umfangreicheren Korrespondenz mit ihrer Kollegin, in dem sie die Gründe für die Veränderungen des Abschneidens Österreichs zwischen den Tests 2000 und 2003 darlegen wollte. Mit "medialer Gag" sei außerdem ein "Gag der Medien" gemeint gewesen, die bereits vor der Veröffentlichung der Studie im Dezember 2004 Ranglisten-Plätze zitiert hätten, auf die sich die öffentliche Diskussion dann ausschließlich konzentriert habe. Das Studienteam selbst habe nie von einem "Absturz" gesprochen, sondern immer wieder auf die nur eingeschränkte Vergleichbarkeit der Daten 2000 und jener 2003 hingewiesen. Generell sei sie "ziemlich erstaunt, meine persönliche Korrespondenz in den Medien wiederzufinden".

"Auftrag nicht erfüllt"

Werner Amon warf dem PISA-Chef vor, "seine Aufgabe nicht erfüllt zu haben, wie es sein Auftrag gewesen wäre". Entweder seien bei PISA 2000 oder 2003 schwere statistische Fehler gemacht worden, weshalb die beiden Studien nicht miteinander vergleichbar gewesen wären. Daher habe es auch keinen "Absturz" Österreichs gegeben. Welche der beiden fehlerhaft wäre, könne er nicht beantworten, sondern solle durch eine methodisch-statistische Untersuchung der Universität Wien geklärt werden. "Unsere Schulen sind besser, als das von Haider behauptet wird", meinte Amon. Das Vorgehen Günter Haiders sei "enttäuschend".

Für diesen sind die Vorwürfe dagegen "ohne Substanz" und beinhalteten "Unwahrheiten, Verdrehungen und Dinge, die wir eh schon längst wissen". Dass die Berufsschul-Stichprobe 2000 und 2003 unterschiedlich gewesen sei, habe er bei der Präsentation der Studie dargestellt und sei auch im Bericht vermerkt. Auf Grund der genaueren Erhebung 2003 (2000 wurden bestimmte Gruppen von Berufsschüler nicht erfasst, Anm.) sei das jüngste Ergebnis "deutlich präziser" als jenes 2000. Beide Methoden hätten aber den jeweils geltenden OECD-Regeln entsprochen - "da hat die OECD dazugelernt".

"Völlig absurd"

Haider kann auch nicht verstehen, was in die PISA-Studie "alles hineingeheimnist wird". Die Rohdaten dazu seien seit zehn Monaten im Internet verfügbar - das habe er auch schon Amon mehrmals gesagt: "Jetzt schicke ich sie ihm auf einer CD zu, wenn er sie sich nicht runterladen kann." Statistische Fehler seien ihm nicht bekannt, sämtliche Berechnungen für alle Staaten würden in Australien stattfinden: "Der Vorwurf, wir würden das quasi fälschen, sei "völlig absurd". Dass sich die Diskussion auf den Absturz in Rankings konzentriert habe, sei nicht seine Idee gewesen, meinte Haider. Diese Rankings seien ja schon vor der offiziellen Veröffentlichung in den Medien herumgeschwirrt.

Zur gesamten Diskussion der vergangenen Tage meinte Haider. "Es kann kein Zufall sein, dass am Tag, wo ein kritisches Interview über den Reformfortschritt in der Bildungspolitik veröffentlicht wird, Vorwürfe gegen mich, meine Mitarbeiter und PISA aus dem Nichts auftauchen. Das kann selbst ein Blinder mit den Händen greifen, was Ursache des Angriffs ist." Hier solle "ein Kritiker, der sachliche Argumente ins Treffen ziehen kann, durch persönliche Angriffe mundtot gemacht werden". Und: "Das Vorgehen dieses ÖVP-Politikers ist mehr als beschämend und unwürdig." Bezeichnend sei, dass auf seine sachliche Kritik mit keinem Wort eingegangen worden sei.

Will Vortrags-Honorare vorlegen

Auch seine Vortrags-Honorare lege er - wie von Amon gefordert - gerne offen, meinte Haider. Bei Referaten, die er im Auftrag des Bildungsministeriums halte, würden ihm die Kosten von diesem ersetzt, für Vorträge im Rahmen der Lehrer-Fortbildung erhalte er die an Pädagogischen Instituten üblichen Sätze, vor Eltern- und Schülerorganisationen rede er gegen Reisekosten-Ersatz, und von Organisationen wie der Industriellenvereinigung oder der Wirtschaftskammer beziehe er ein Honorar. Es sei "durchaus üblich", dass man für seine Arbeit bezahlt werde. (APA)

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    PISA-Chef Haider wurde nicht zu einer Pressekonferenz von Bildungssprecher Werner Amon zugelassen.

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