Gewerbe kritisiert mangelnde Pflichtschulausbildung bei Lehrlingen

23. März 2006, 13:10
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Einführung einer "Lehrvertragsreife" gefordert - Gewerbekonjunktur "fährt derzeit mit angezogener Handbremse"

Wien - Mangelnde Pflichtschulausbildung bei Lehrlingen kritisiert Österreichs Gewerbe und Handwerk. "Wenn ein Absolvent im Abschlusszeugnis ein Befriedigend in Deutsch hat und im Bewerbungsschreiben 17 Rechtschreibfehler macht", könne irgend etwas nicht stimmen, so der Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer (WKÖ) Georg Toifl am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

"Lehrvertragsreife"

Das Gewerbe fordert daher die Einführung einer "Lehrvertragsreife". Voraussetzung dafür sei die Beherrschung der Grundrechnungsarten, deutsche Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit so wie soziales Verhalten und Motivation. Diese Kriterien müssten, so Toifl, ins Pflichtschulsystem eingeführt werden. Nur jene Pflichtschulabgänger, die diese Kriterien erfüllen, seien für eine Lehre geeignet. Pflichtschüler, die die Lehrvertragsreife nicht erreichen, sollten durch staatliche Maßnahmen gefördert werden, dass sie ebenfalls lehrvertragsreif werden. Derzeit sei es so, dass die Noten im Zeugnis nicht immer den Tatsachen entsprechen. Bedauerlich sei, dass derzeit mehr als 10.000 Jugendliche keinen Hauptschulabschluss haben.

Staat soll zahlen

Toifl fordert weiters die Übernahme der Ausbildungskosten während der Berufsschulzeit durch die öffentliche Hand. So zahlt der Staat bei einem AHS-Schüler 7.000 Euro pro Jahr und bei einem Lehrling nur 700 Euro. Die Bevorzugung der AHS-Schüler sei unfair.

Gewerbe und Handwerk sind traditionell die größten Lehrlingsausbildner in Österreich. In rund 90.000 Betrieben mit an die 600.000 Beschäftigten sind fast 60.000 Mitarbeiter Lehrlinge.

"Lehrlingsförderung neu"

Zufrieden zeigt sich Toifl mit der am 1. September angelaufenen "Lehrlingsförderung neu", wonach im ersten Lehrjahr Förderungen von 400 Euro monatlich, im 2. Lehrjahr 200 Euro und im dritten Lehrjahr 100 Euro ausgezahlt werden. Diese Aktion biete einen deutlichen Anreiz zusätzlich Lehrlinge anzustellen. Aktuell seien bis jetzt 5.309 Förderansuchen eingelangt, davon seien bereits 625 Anträge entschieden, so Toifl. Er gehe davon aus, das 5.000 Ansuchen positiv erledigt werden. Mit dieser Initiative werden mehr als zwei Drittel der noch Lehrstellensuchenden einen Lehrplatz finden, so Toifl.

4.000 zusätzliche Lehrstellen

Um 2007 einen Anteil von 40 Prozent Lehranfängern bei den 15-Jährigen zu erreichen, müssten mehr als 4.000 zusätzliche Lehrstellen geschaffen werden. Spätestens im Jahr 2010 sei allerdings auf Grund der demographischen Entwicklung mit einem Mangel an Lehrstellensuchenden zu rechnen.

Österreichs Gewerbe und Handwerk "fährt derzeit mit angezogener Handbremse", so der Leiter der KMU Forschung Austria Walter Bornett. Das dritte Quartal zeige eine leicht positive Entwicklung. Die Geschäftslage werden etwas besser beurteilt als vor einem Jahr. Die Beschäftigungszahl ist um 1 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Während in den Investitionsgüter nahen Branchen der durchschnittliche Auftragsbestand im Jahresvergleich um 1 Prozent zulegte, gingen die öffentlichen Aufträge um 18 Prozent zurück. So entfielen in den 80er Jahren noch 20 Prozent der Aufträge auf die öffentliche Hand, jetzt sind es nur mehr 12 Prozent. Die öffentlichen Aufträge gehen vermehrt an die Industrie, so das Gewerbe. Zu spüren bekommen die Gewerbebetriebe auch den schwachen privaten Konsum.

Gedämpfte Erwartungen

Für das vierte Quartal sind die Erwartungen der Handwerks- und Gewerbebetriebe gedämpft. Negative Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation seien aber nicht zu befürchten, so der Gewerbeforscher. 82 Prozent der Gewerbe- und Handwerksbetriebe werden den Beschäftigungsstand in den kommenden Monaten halten. 12 Prozent der Betriebe beabsichtigen Personal einzustellen und lediglich 6 Prozent befürchten, den Personalstand reduzieren zu müssen. Die insgesamt geplante Erhöhung des Personalstandes im 4. Quartal liegt damit mit plus 0,5 Prozent knapp über dem Vorjahr mit 0,2 Prozent. (APA)

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