"Eine Idee vom Zusammenleben"

3. Oktober 2005, 14:45
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Jerusalemer Spital als Modell

Wien – "Wenn man das Krankenhaus betritt, bleibt die Politik draußen", sagt der israelische Arzt Yoram Weiss vom Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem, und wer nicht akzeptiere, dass dort israelische und palästinensische Ärzte gemeinsam arbeiten, der könne sich gleich ein anderes Krankenhaus suchen. Die Patienten hätten sich allerdings noch nie beschwert. Ganz im Gegenteil.

Mit seinem palästinensischen Kollegen Hasham Ruhi ist der Intensivmediziner Weiss nach Wien gekommen, um ihre gemeinsame medizinische Arbeit im Bruno Kreisky Forum vorzustellen. Im 700 Betten großen Hadassah-Spital ist nicht nur das Personal ethnisch gemischt. Manchmal liegt in einer Ecke des Krankenzimmers ein palästinensischer Attentäter und in einer anderen ein verwundetes Opfer eines Anschlags, erzählen die beiden Ärzte. Etwa ein Drittel der Patienten sind Palästinenser. Und jeder wird gleich behandelt.

Viele Menschen bekämen durch die Zeit im Spital und das Kennenlernen des jeweils "anderen", "eine Idee davon, wie ein Zusammenleben zwischen Palästinensern und Israelis ausschauen könnte", sagt Ruhi. Der Anästhesist hat seit 1998 eine Ausbildung an der Hadassah erhalten. Die Karl-Kahane-Stiftung unterstützt die Ausbildung von palästinensischen Ärzten an dem Krankenhaus mit finanziellen Mitteln. Das Spital arbeitet eng mit der palästinensischen Autonomiebehörde zusammen.

Anfänglich habe er sich sehr allein gefühlt, es habe wenige palästinensische Ärzte gegeben, und Ruhi konnte noch nicht Hebräisch. Mittlerweile sind 10 Prozent der Ärzte in seiner Abteilung Palästinenser, andere kommen aus Europa oder den USA. Auf den meisten Stationen arbeiten Ärzte und Schwestern aus vielen Ländern zusammen, die Intensivstation ist allerdings etwas besonderes, weil hierher die Opfer von Anschlägen gebracht werden.

Zurzeit ist es noch schwierig für Ruhi in die Arbeit zu kommen. Als Palästinenser darf er nicht mit dem Auto fahren und muss sich jeden Tag durch die Checkpoints quälen. Doch die Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen wiegt vieles auf. Nach weiteren zweieinhalb Jahren an der Hadassah möchte Ruhi sein Wissen in Intensivstationen in Ramallah oder Nablus weitergeben. Für Weiss zeigt die Zusammenarbeit dass es "inmitten von sehr viel Feindschaft doch eine Gruppe geben kann, die trotzdem weiterhin beiden Volksgruppen helfen kann." Und das gebe Hoffnung. (awö/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2005)

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