Abnützung beim Streifendienst

14. Oktober 2005, 19:23
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Französischer Antikrimi: "Le petit lieutenant" von Xavier Beauvois

Antoine (Jalil Lespert) ist ein klassisches Greenhorn. Gerade erst aus der Polizeiakademie entlassen, kommt er nach Paris, um dort seine Lehrjahre auf der Straße zu absolvieren. Er ist sehr motiviert und sucht Anschluss, er drängt darauf, Verbrecher zu jagen; doch die Vorstellung von seinem Beruf verdankt sich, wie er später einmal sagen wird, zuallererst dem Kino.

Xavier Beauvois' Polizeidrama "Le petit lieutenant" geht also von einer Differenz aus: Die schnöde Wirklichkeit hat mit der idealisierten Auffassung eines Gewerbes nur wenig gemeinsam. Diese Unterscheidung bestimmt auch die formale Stoßrichtung des Films, der den Regeln des Genres folgt, wenn er mit standardisierten Situationen arbeitet; der trockene Milieurealismus, der sich intensiver Recherche des Regisseurs verdankt, lässt diese aber weit über das gängige Maß hinausgehen.

Als Antoine zur Truppe der Kommissarin Vaudieu (Nathalie Baye, endlich wieder einmal in einer tragenden Rolle) stößt, darf er gleich bei einem Mordfall assistieren. Beauvois ist nur am Rande mit der Auflösung des Falls befasst. Über den Blick des Neulings breitet er den Alltag der Polizeiarbeit aus, wobei gerade im Kontrast zum Übereifer Antoines die Verschleißerscheinungen seiner erfahrenen Kollegen deutlich zutage treten.

Bedingt durch einen tragischen Zwischenfall verlagert der Film die Perspektive auf die Kommissarin. Beschützerin ihrer Mitarbeiter und doch selbst Leidtragende, die sie ist, gelingt Beauvois vor allem mit dieser Figur ein so stimmiges wie illusionsloses Bild für die Not in diesem Beruf: Wie Ordnung wahren, wo man doch selbst schon nahe am Fallen ist. (kam/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2005)

15. 10., Künstlerhaus, 17.30;

18. 10., Gartenbau, 17.30

  • Nathalie Baye in "Le petit lieutenant"
    foto: viennale

    Nathalie Baye in "Le petit lieutenant"

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