Umwege zum Ruhm

14. Oktober 2005, 19:19
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Jane Birkin wird als Gast der Viennale mit einem Tribute geehrt und revanchiert sich mit einem Konzert im Volkstheater

Eine Engländerin, die nicht ganz freiwillig nach Frankreich ging und dort zum Weltstar wurde: Jane Birkin wird als Gast der diesjährigen Viennale mit einem Tribute geehrt und revanchiert sich mit einem Konzert im Volkstheater.


Auf Nebenwegen durch ein Lebenswerk, mit Blick auf das, woran man sich nicht sofort erinnert: der erste Leinwandauftritt zum Beispiel, 1965, in Richard Lesters turbulenter Komödie "The Knack and How to Get It". Jane Birkin ist 19 Jahre alt und verfügt bereits über Bühnenerfahrung. Sie hat ein paar Filmminuten als eines von unzähligen, uniform gekleideten, hübschen Mädchen, die vor der Türe eines jungen Lebemannes Schlange stehen. Birkin darf schließlich auf dem Sozius seines Motorrollers Platz nehmen und losbrausen. Damit ist ihr erster Job erledigt.

Der kurze Auftritt in Michelangelo Antonionis "Blow-Up" ein Jahr später findet ungleich mehr Beachtung: Zwei Freundinnen mit Modelambitionen überrumpeln einen Fotografen mit ihrem kecken Antrittsbesuch, der schließlich in einer Balgerei endet, bei der die Kleider fallen. Der - wie Birkin es später in Agnès Vardas Porträtcollage nennen wird - "Schamhaarskandal", der sich daran entzündet, ist mit ein Grund, weshalb sie bald darauf London den Rücken kehrt.

In Frankreich ergeben sich neue Arbeitsmöglichkeiten: Birkin ist bereits von ihrem ersten Mann, dem Filmkomponisten John Barry geschieden, sie ist Mutter einer Tochter und wird dennoch als Teenager besetzt: Als Filmtochter von Maurice Ronet schält sie sich ungelenk und etwas mürrisch aus dessen Sportwagen. Die beiden sind eben in einer Villa an der Côte d'Azur angekommen, wo Freunde des Vaters - gespielt von Romy Schneider und Alain Delon - den Sommer verbringen. Der Film von Jacques Deray heißt "La Piscine", und Schlagzeilen machen diesmal die anderen.

Trotzdem bleibt Birkin in Erinnerung. Sie verkörpert neben Schneider einen neuen Frauentyp, mager, groß gewachsen, androgyn. Die einen nutzen ihre Wirkung als Fremdkörper zur sexuellen Aufladung, andere erkennen darin eher komisches Potenzial. In der ersten Hälfte der 70er-Jahre spielt sie häufig (und gerne) in (frivolen) Komödien, zweimal etwa an der Seite von Pierre Richard.

Rollenspiele

Auch in "Le mouton enragé" (1973), einer bösen Satire auf den sexuellen und gesellschaftlichen Eroberungszug eines Bankbeamten (Jean-Louis Trintignant), ist sie - in ultrakurzem Rock, mit langen Haaren - zugleich Verunsicherungsfaktor und leibhaftiger Männertraum. Sie erfüllt (und überdehnt) diese Rolle nach Möglichkeiten spielerisch.

Erst gut zehn Jahre später, nach ersten Arbeiten mit dem Regisseur und späteren Lebensgefährten Jacques Doillon, werden Birkins schauspielerische Fähigkeiten zunehmend auch von den arrivierten Filmautoren genutzt. In Marion Hänsels kaum bekannter Coetzee-Adaption "Dust" aus dem Jahr 1985 beispielsweise agiert sie als verhärmte Farmerstochter mit zunehmender Heftigkeit - und bricht irgendwann in gewaltiges, ebenso bösartiges wie verzweifeltes Gelächter aus, das man von ihr nie und nimmer erwartet hätte.

"Le mouton enragé" könnte man auch so beschreiben: Ein Mann unterhält Beziehungen zu drei Frauen, verkörpert werden diese von einer Engländerin (Birkin), einer Österreicherin (Romy Schneider) und einer Brasilianerin (Florinda Bolkan), jede mit ihrer eigenwilligen Sprachfärbung. Nicht selten meint man hier noch die physische Anstrengung Birkins bei der Aussprache gewisser vertrackter Eigenheiten zu verspüren (die Wörter müssen erst im Mund zurecht gelegt werden, bevor man sie aussprechen kann).

Klangkörper

Aber ähnlich wie ihr Körper ist auch ihre zarte, etwas heisere Stimme längst ein spezifisches Kapital mit hohem Wiedererkennungswert geworden. Schon 1969 hat Jane Birkin bei den Dreharbeiten zu Slogan Serge Gainsbourg kennen (und lieben) gelernt. Noch im selben Jahr nehmen sie gemeinsam den Song "Je t'aime, moi non plus" auf - eine Nummer, die sich seither hartnäckig als Lamourhatscher und tönende Schlafzimmertapete behauptet.

Schon vorher schien die französische Popkultur durchlässig für "fremde" Stimmen und Akzente - den der Italoägypterin Dalida etwa oder später jenen der Dänin Anna Karina (auch sie hat Lieder von Gainsbourg interpretiert). Auch heute noch orientiert sich eine neue Generation von Interpretinnen (und Songschreibern) am Duo Birkin/ Gainsbourg.

Birkin ihrerseits hat 2004 mit "Rendez-vous" ein von Gonzales produziertes Duette-Album eingespielt. Darauf singt sie nicht ganz unkokett mit Françoise Hardy das Lied "Surannée", das Keren Ann Zeidel und Benjamin Biolay geschrieben haben. Überholt - also "surannée" - ist sie nämlich noch lange nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2005)

Von
Isabella Reicher

Termin

17. 10., Konzert im Volkstheater, 20.30

  • Ein Schauspielerinnenporträt, zusammengesetzt aus Erinnerungen, Träumen und Wunschbildern: 
Jane Birkin imaginiert sich in 
Agnès Vardas "Jane B. par Agnès V." 
aus dem Jahr 1987 als Hollywoodstar.
    foto: viennale

    Ein Schauspielerinnenporträt, zusammengesetzt aus Erinnerungen, Träumen und Wunschbildern: Jane Birkin imaginiert sich in Agnès Vardas "Jane B. par Agnès V." aus dem Jahr 1987 als Hollywoodstar.

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