Militäreinsatz gegen Flüchtlinge in Afrika

1. Oktober 2005, 15:07
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Flüchtlinge versuchten Stacheldrahtzaun in der spanischen Exklave Ceuta zu überwinden - Gummigeschosse töten zwei Menschen

Der Ansturm von Flüchtlingen auf die beiden in Nordafrika gelegenen spanischen Städte Ceuta und Melilla schwillt an. In der Nacht zum Donnerstag gab es am Zaun, der die EU von Afrika trennt, erstmals Tote.

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An mehreren Stellen gleichzeitig meldeten elektronisch Sensoren Bewegung. Die Infrarot-Überwachungskameras lieferten den Wächtern die bekannten Bilder – hunderte von Flüchtlingen, die mit selbst gebastelten Leitern versuchten, den doppelten Stacheldrahtverhau zu erklimmen.

Kommission ermittelt

Was an der Grenze zwischen Ceuta und Marokko Donnerstag kurz nach drei Uhr schief lief, soll eine Kommission untersuchen: Nach dem Massenansturm auf die EU-Außengrenze lagen Leichen im Niemandsland. Ob die zahlenmäßig unterlegenen Grenzbeamten im Kampf Mann gegen Mann "überreagierten", muss noch geklärt werden.

Ein Afrikaner stürzte aus sechs Metern Höhe zu Tode, ein anderer verfing sich im Stacheldraht und verblutete. Zwei weitere Opfer wurden auf marokkanischem Gebiet geborgen. Ihre Körper wiesen nach Aussage der Ärzte im Spital von Tetouan Spuren von Gummigeschoßen auf.

Zaun soll erhöht werden

Auslöser der Flüchtlingswellen dürfte der Beginn von Arbeiten zur Verstärkung der Anlagen sein, die die beiden spanischen Exklaven von Marokko trennen. Der mit EU- Geldern mehrfach ausgebaute Verhau hat sich trotz elektronischer Überwachungsgeräte als durchlässig erwiesen und soll jetzt von drei auf sechs Meter erhöht werden.

Guardia Civil überfordert

Obwohl Bewegungsmelder und Infrarotkameras das Auftauchen von Grenzgängern sofort anzeigen, ist die Guardia Civil dem Flüchtlingsansturm längst nicht mehr gewachsen: Die Immigranten tauchen an mehreren Stellen gleichzeitig aus dem Dickicht auf und überwinden mit ihren aus Ästen zusammengeschnürten Leitern den eisernen Vorhang.

Als erste Reaktion auf die Todesfälle in Ceuta ordnete Premierminister Zapatero den Einsatz des Militärs zur Unterstützung der Guardia Civil an.

Marokko fordert Hilfe an

Die wachsende Zahl illegaler Grenzübertritte stand auch im Mittelpunkt eines bilateralen Gipfels in Sevilla: Zapatero bat seinen marokkanischen Amtskollegen Driss Jettou um Unterstützung im Kampf gegen illegale Schlepperbanden. Marokko fordert von der EU Hilfe, um die Kontrollen verstärken zu können.

Während täglich mehr Afrikaner auf der Suche nach Nahrung durch die Straßen Ceutas und Melillas irren, sollen sich nach Angaben von NGOs bis zu 20.000 Menschen im "Anmarsch" auf diese EU-Außengrenze befinden. "Wer die letzten Ersparnisse geopfert und mehrere tausend Kilometer bis an die Mittelmeerküste bewältigt hat", so eine Sprecherin von SOS Racismo, "lässt sich auch von einem eisernen Vorhang nicht abschrecken." Die Situation sei "unmenschlich". (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Flüchtlinge, denen es gelang, den Zaun zu überklettern, wurden auf der spanischen Seite ärztlich versorgt und registriert.

  • Infografik: Spanische Außenposten in Nordafrika

    Infografik: Spanische Außenposten in Nordafrika

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