"Glychsam ein zamer Berg"

20. Oktober 2005, 19:14
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Einst fuhr man zu Tauch- und Laufkuren auf die Rigi - Heute bestimmen Gedanken an Sonne, Luft und Essen die profaneren Wallfahrten auf die "Königin der Berge"

Die Talstation liegt in Weggis am See, das Tragseil führt die Gondel am Hüttenberg entlang hoch über den Wald hinauf fast bis zur Staffelhöhe. Nun, es gibt zumindest einen Grund, die Menschen in Zürich zu beneiden: Sie sind in kaum einer Stunde von der Bahnhofsstraße auf der Rigi.

Die Rigi ist ein Bergmassiv, eingerahmt vom Vierwaldstädter-, vom Zuger- und vom Lauerzersee, geologisch betrachtet ist sie Molasse, also Schutt aus der Epoche der Alpenfaltung - aber das ist es nicht, was den Berg so interessant macht. Die Rigi, 1353 erstmals urkundlich erwähnt und selbstbewusst abgeleitet von Regina Montium (Königin der Berge), ist ein Art Bergersatz für Städter, die ein bisschen genug haben von der Stadt.

Ja freilich, wenn Sie die echten Schweizer Berge sehen oder gar erleben wollen, müssen Sie weiterfahren bis ins Berner Oberland, dort warten Jungfrau, Eiger Nordwand, Blut und Tränen und der Rettungshubschrauber auf Sie. Nicht so auf der Rigi. Die Rigi ist, wie der Luzerner Apotheker und Ratsschreiber Renward Cysat schon 1749 wusste, ein vorwiegend zahmer Berg: "Dieser Berg ist ein lustiger schöner und glychsam ein zamer Berg. Obsi glichwol von dem See her etwas ruch und wild anzusehen, so man aber hinuff wandelt, find man ihn nit so wild." Ja, Recht hat er, der Herr Apotheker.

Von Goldau aus klettern Sie mit der Zahnradbahn in einer halben Stunde auf den Kulm hinauf, ein erster Gipfelsieg beim Aussteigen. Die Luft ist dünn in der Todeszone von 1800 Metern und - Sie werden es spüren, wenn Sie sich redlich erschöpft auf eine der vielen Bänke setzen und ein bisschen Fantasie haben - Sie fühlen sich leichter als sonst. Offenbar lässt die Schwerkraft bereits nach.

Ihre neuen Bergschuhe sind schön, aber nicht wirklich nötig: Die meisten Wege auf die vielen umliegenden Klammen, Kulmen, Firste sind mehr oder minder rollstuhltauglich. Man bewegt sich, begleitet vom freundlichen Geplätscher der Kuhglocken, entlang sanfter Almwiesen und denkt an die angenehmen Dinge des Lebens: an die Sonne, die Luft, das nächste Essen.

Vielleicht hatten die Sanftheit der Landschaft schon die Pilger im Blick, als sie, wundergläubig, aber doch lebensklug, dem "Kalten Bad" auf der Rigi heilende Kräfte zuschrieben. Auf einer Alp der Gemeinde Weggis wurde jahrhundertelang ein seltsames Ritual vollzogen: Das Wasser des Drei-Schwestern-Brunnens wurde in einen Trog geleitet, in dem die Wallfahrer mitsamt ihren Kleidern dreimal untertauchten. Danach lief man nass um eine Kapelle, wozu man fünf Vaterunser und fünf Ave-Maria zu beten hatte. Danach erteilte der Waldbruder aus der nahen Einsiedelei zwecks Heilung sämtlicher Leiden den Segen. Erst dann durfte man sich, obwohl die Chronik das nicht ausdrücklich überliefert, offenbar abtrocknen.

Wie dem auch im Detail war, die Tauch-und Laufkur war ein Riesenerfolg. An einem einzigen Sonntag im Jahr 1601 verzeichnet die Rigi bereits 150 Pilger, kurz darauf errichteten die klugen Weggiser nahe der Kapelle ein erstes Wirtshaus. 1730 waren es schon 25.000 Besucher, die die Rigi-Wallfahrt zum Klösterli antraten, aber nicht alle wollten so weit gehen.

Im 19. Jahrhundert wurde das "Senftentragen" ein wichtiger Erwerbszweig der Menschen am See. Auf Bergwägeli (Schlitten auf Rädern) oder mit Gabeli (Traggestellen) wurden die Fremden zu den bereits zahlreichen Wirtshäusern und Hotels auf dem Berg gebracht. Damit der Transfer auch regulär funktioniert, wurde 1820 eine eigene Verordnung für den so genannten Rigidienst verfasst.

Wer sich mit dem Wandel von der bäuerlichen zur dienstleistenden Bevölkerung im voralpinen Raum befasst, wird hier fündig. Preise pro Pfund wurden festgesetzt und erstmals die Verhaltensweisen der Träger reguliert. In der Vorschrift von 1839 heißt es: "Die Träger sollen sich eines nüchternen Lebenswandels befleissen, verträglich unter sich und höflich und zuvorkommend gegen Fremde sein, und dieselben schnell bedienen."

Der Rigidienst ging im Sommer 1871 zu Ende, als die Dampflokomotive des Ingenieurs Riggenbach erstmals die Steigung von Vitznau am See bis auf den Kulm bewältigte. Die Vitznauer Bahn gilt als die erste Bergbahn Europas und brachte den Investoren satte Gewinne. Längst hatten die Reisenden das lästige Tauchen, Laufen und Beten aufgegeben und anstelle der religiösen die Leidenslinderung durch Beobachtung des Naturschönen vom Grand Hotel aus entdeckt.

Im Fall der Rigi war es vor allem der spektakuläre Sonnenaufgang, der faszinierte und moderne Pilger aus aller Welt anzog. Nicht alle erlebten ihn. Eine der schönsten Reiseerzählungen von Mark Twain ist seinem (vergeblichen) Versuch gewidmet, den Sonnenaufgang auf der Rigi zu sehen. Gemeinsam mit seinem Freund Harris versucht der Erzähler, den Kulm zu besteigen, doch verbummeln sich die beiden immer wieder und erreichen den Gipfel erst nach drei Tagen.

"Wir waren so todmüde, dass wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Einige Minuten waren wir ergriffen von dem wunderbaren Anblick. Wir konnten nicht sprechen, ja kaum atmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie: 'Verdammt, sie geht ja unter!' Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag verschlafen und waren erst beim Blasen des Abendhorns aufgewacht: das war niederschmetternd." So kann's gehen auf der Rigi.Denn auch wenn sie sanft und angenehm, mehr breit als hoch ist, soll man sie, sei festgehalten, nicht unterschätzen.

Die Rigi ist auch ein heimtückisch komplizierter Berg. Wenn man, sagen wir, gerade in Gurgeli steht und nach First will, könnte man nach Goldau gehen und von dort mit der Bahn bis zum Scheidegg fahren oder ein Stück bis nach Gersau gehen, den Bus bis Vitznau nehmen und mit der Seilbahn nach Hinterbergen fahren. Oder aber wir nehmen das Schiff von Greppen nach Küssnacht (nur wegen des schönen Namens) und fahren dann auf die Seebodenalp hinauf.

Aber warum wollen wir überhaupt schon wieder nach First? Weil es dort, wenn der Wirt der Bärenstube gut aufgelegt ist, die besten Lammkoteletts der Welt gibt. Und da ist noch etwas, etwas Sentimentales, das die Rigi umgibt und das sich sogar jenen mitteilt, die weder Gehen noch Gipfel, weder Mark Twain noch Lamm schätzen.

Man besucht einen bedeutsamen Ort der eigenen Kindheit. Die rote Rigi-Bahn von Lehmann war einmal eines der beliebtesten Spielzeuge der Welt: Die Talstation lag damals noch am Bettfuß im Kinderzimmer, das Tragseil aus grün schimmernden Nylonschnüren führte die Gondel, wenn man an der Kurbel drehte, am Bücherregal entlang hoch über den Tisch bis hinauf zum Gipfel ganz oben auf der unerreich- baren Vorhangstange.

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(Der Standard/rondo730/09/2005)

Von Ernst Strouhal
  • Wie ein träges Tier liegt die Rigi da, allseits umringt von Seen. Ganz bequem glückt der Gipfelsieg mit der Gondel von Weggis am See.
    foto: swiss-image

    Wie ein träges Tier liegt die Rigi da, allseits umringt von Seen. Ganz bequem glückt der Gipfelsieg mit der Gondel von Weggis am See.

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