Anspruchsvolles Kino

27. Oktober 2005, 14:58
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Man fragt sich nur, was da beansprucht werden soll

Neulich wollte ich ins Kino. Es laufen so viele großartige Filme zur Zeit, eigentlich sollte man täglich ins Kino gehen. Bloß muss man anfangen damit. Mit irgendeinem Film muss man anfangen. Ich wollte natürlich nicht gleich mit dem ersten besten anfangen. Man ist ja anspruchsvoll. Vielleicht als Hors d'uvre der neue Wim Wenders? Leider hab ich den Fehler begangen, auf skip.at nach dem richtigen Kino dafür zu suchen, man will ja einen anspruchsvollen Film nicht in einem anspruchslosen Kino sehen.

Das war dumm von mir. Auf skip.at tummeln sich nämlich nicht nur Filme und Kinos, sondern auch dezidierte Meinungen über dieselben. Beim Wenders-Film gab's ein Bewertungs-Schema. Humor - wenig, stand da. Spannung - keine. Action auch keine, Erotik immerhin schaffte es zu einem Stern (i.e.: in Spuren vorhanden). Bei Anspruch standen aber fünf Sterne weithin leuchtend im Raum. Man fragt sich nur, was da beansprucht werden soll. Wim, alte Schlampe, hast du es etwa gewagt, unautorisiert mein Leben zu verfilmen? Kombinierte Sherlock Reif blitzschnell. Analogien zu wenig Humor, kaum Spannung, keinerlei Action, wenig Erotik, zudem megalomanische Ansprüche drängten sich auf. NÖ, das brauch ich nicht auch noch im Kino, hab ich mir gedacht und bin regelrecht vor dem anspruchsvollen Film zurückgeschreckt.

Hinter "Don't come knocking" kam "Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" im Skip-Alphabet. Dr. Seltsam (klingt wie fünf Sterne für Spannung), oder wie ich lernte (fünf Sterne für Anspruch) die Bombe (fünf Sterne für Action) zu lieben (fünf Sterne für Erotik). Da bin ich dann hin. Es war nicht unlustig, aber irgendwie finde ich, Wim Wenders sollte skip.at wegen vorsätzlicher Geschäftsschädigung klagen.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/30/09/2005)

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    grafik: der standard
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